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Editorial Mai 2022

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

 

bei unseren Planungen rund um diese KiM bestimmte ein Thema nahezu jede Nachrichtensendung und viele dienstli- che und private Gespräche: der Krieg in der Ukraine und seine Folgen. Kann man einen Aggressor wie Putin samt seiner Führungsclique nach dem offenkundigen Scheitern aller Diplomatie wirklich stoppen mit Wirtschaftssanktionen? Oder geht das am Ende nur mit Waffen wie seinerzeit bei Adolf Hitler? Oder muss beides eine Rolle spielen, verbunden mit Diplomatie? Welchen Grad von Sanktionen würden wir im jahrzehntelang von Krieg nicht berührten Westen überhaupt ertragen – auch angesichts der weltweiten Ver- flochtenheit der Wirtschaft? Und sind wir mit den bisherigen Sanktionen nicht viel zu träge und halbherzig unterwegs? Über all das diskutieren derzeit Experten aus Militär, Wirtschaft und Politik in zahllosen Sonder- sendungen, Talkshows und Podcasts. Und darüber grübeln und sprechen auch viele Men- schen wie du und ich.

erahnen, weil nie so viel gelo- gen und getäuscht wird wie in einem Krieg.

Ein Konfirmand sagte dieser Tage zu mir: „Dieser naive Pazi- fismus hat nun endgültig ausge- dient!“ Hat er das? Ist Pazi- fismus per se naiv? Sind Jesu Worte von der Feindesliebe ausschließlich etwas für den Privatgebrauch? 

Wie nur, so frage ich mich, verteidigt man unsere christ- lichen Werte, unsere Freiheit, unsere Demokratie richtig, wenn sie ernsthaft bedroht werden? Zurück zum „Kalten Krieg“ mit militärischer Abschreckung und einem 100 Milliarden-Sonder- etat für die Bundeswehr? Oder doch wieder über eine mühselige Annäherung wie im vergangenen Jahrhundert unter Willi Brand, Helmut Schmidt und Helmut Kohl?

Im Moment sprechen in der Ukraine fast ausschließlich die Waffen. Oft als Rakete und Marschflugkörper von weit her abgefeuert – oft mitten hinein in Wohngebiete. Was allerdings genau passiert, können wir nur erahnen, weil nie so viel gelogen und getäuscht wird wie in einem Krieg.

Eins jedenfalls ist sicher: viele Menschen sind schon gestorben und werden noch sterben. Darunter auch viele Kinder und Jugendliche, die das Leben eigentlich noch vor sich hatten. Viele konnten und können nicht fliehen, weil sie zu alt oder zu schwach sind. Oder weil man ih- nen die Möglichkeit zum Fliehen nicht gewährte und gewährt. Und sehr viele Menschen – Sol- daten und Zivilisten – sind ver- letzt an Leib und Seele und blei- ben davon ein Leben lang ge- zeichnet. Wie bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg!

Und dann sind da noch die vielen Geflüchteten, die zum Teil alles verloren haben, was einmal ihr Zuhause war, und die jetzt oft bangen um ihre Lieben in der Heimat. Immerhin haben viele im Land selbst, vor allem aber in den Nachbarländern bis hier nach Deutschland Menschen gefunden, die sie aufgenommen haben in ihre Häuser und Herzen. Die große Hilfsbereitschaft bei so vielen Menschen in so vielen Ländern macht mir in dieser schlimmen Zeit wenigstens ein bisschen Hoffnung, dass wir Menschen vielleicht doch etwas gelernt ha- ben aus den Kriegen früherer Jahre und noch eine Ahnung in uns tragen, worauf es im Leben am Ende wirklich ankommt.

Auch im Blick auf die russi- schen Angreifer beschäftigt mich vieles. Ich denke an die oft noch sehr jungen Männer, die man als Wehrpflichtige jahre- lang indoktriniert und sehr schlecht ausgebildet in diesen Krieg gezwungen hat. Wie oft schon habe ich gedacht, dass vieles in Sachen Krieg sofort ganz anders wäre, wenn sich die, die einen Krieg anordnen, zusammen mit ihren Söhnen und Töchtern in die erste Reihe stellen müssten.

ch denke auch an die mutigen Menschen in Russland, die trotz der Androhung drakonicher Strafen gegen den Krieg demonstrieren oder als Journalistinnen und Journalisten alles in ihren Möglichkeiten versuchen, um der Staatpropaganda etwas entgegenzusetzen. Überhaupt glaube ich, dass sich die allermeisten Menschen in Russland nichts anderes als Frieden wünschen und vermutlich viel deutlicher gegen ihre Führung aufbegehren würden, wenn sie um die Wahrheit des Angriffs- krieges wüssten, denn wie perfide man ein ganzes Volk über lange Zeit täuschen kann, wissen wir nur zu gut aus unserer eigenen Geschichte.

auch an viele unserer russisch- stämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wir dürfen sie nicht unter einen Generalverdacht stellen und sie ausgrenzen, wie es derzeit leider oft geschieht! Viele von ihnen helfen gerade sehr z. B. beim Übersetzen not- wendiger Informationen für die zu uns Geflohenen.

ge haben wir uns entschie- den, in dieser KiM einige Ge- danken und Blickwinkel zu „Krieg und Frieden“ zusammen- zutragen, die in der öffentlichen Debatte eher weniger vorkom- men. Es geht uns dabei nicht um Vollständigkeit der Aspekte. Auch kann es sein, dass man- che dieser Gedanken und Blick- winkel nicht mehr aktuell sind, wenn unsere KiM erscheint. Aber vielleicht ist ja auch der ein oder andere hilfreiche Impuls für Sie dabei in einer Zeit großer Angst und Ohnmacht.

Melden Sie uns gerne auch Ihre Gedanken zu all dem zu- rück. Vielleicht findet sich dafür dann ein Platz in einer der kom- menden KiMs.

 

Mit einem herzlichen Gruß der ganzen Redaktion bleibe ich

 

Ihr

Christoph Seitz