Foto: Eva Gottschaldt
Foto: Eva Gottschaldt

Esoterik / Wellness / Spiritualität

Einkaufen auf dem Markt der Religionen

Von Gerhard Marcel Martin

In einer fundamental kapitalistisch orientierten Gesellschaft hat alles einen Markt, bietet möglichst attraktiv - sein Produkt an und will es als Ware verkaufen. Das gilt inzwischen auch in Lebensbereichen, in denen dies jedenfalls nicht immer so offensichtlich war wie heute, zum Beispiel auf den Kunstmärkten, im Gesundheitssystem und in der Religion. Ich bin auf Untersuchungen gestoßen, aus denen hervorgeht, dass Künstler_innen 40 % ihrer Arbeitszeit damit ausfüllen, nicht an ihren Werken zu arbeiten, sondern sie zu vermarkten. Und ganz entsprechend freut sich jede Klinikverwaltung aus ökonomischen Gründen, wenn die Zahl der operativen Eingriffe in ihrem Hause steigt. Knie- und Wirbelsäulenoperationen boomen in Deutschland zurzeit stark. Vielleicht sollte es gar nicht so verwunderlich sein, dass sich auch Religion den Gesetzen des Marktes nicht entziehen kann. Auch die Produktpalette spiritueller Angebote muss attraktiv und gut sortiert sein. Und dazu können Versprechen von grenzenlosem Wohlbefinden, die Einrichtung von Comfort-Zonen und esoterische Sonderangebote gehören.

Die Logik des Marktes

Auch kirchliches Leben ist von der Dynamik und der Logik des Marktes betroffen - und das nicht erst seit kurzem: Kirche versucht für sich zu werben, sich auf dem Markt religiöser Angebote Plätze zu sichern. Dazu gehören großflächige Plakatwerbungen, die von manchen als reißerisch empfunden werden, Internetauftritte und interaktive Kommunikationsangebote, Charmeoffensiven verschiedenster Art. Hubert Knoblauch und andere sprechen von „Populärer Religion“, von der Entgrenzung des religiösen Feldes, zurück aus privatisierten Örtlichkeiten in die Öffentlichkeit und ihre demonstrative Sichtbarkeit. Dazu gehören dann auch die Großveranstaltungen wie Kirchentage, Papstbesuche rund um den Globus und katholische Weltjugendtage - jedenfalls auch als Teil der Eventkultur.
Die Frage ist: Wie könnte man Konsumenten, umstellt von verwirrend vielen konkurrierenden religiösen Sonderangeboten, bei ihrer Orientierungssuche helfen? Mir kommt eine Idee, die möglicherweise schon lange realisiert ist: Wie wäre es, wenn auch Religionsangebote in STIFTUNG WARENTEST genauso wert-schätzend wie produkt-kritisch vorgestellt würden?
Und welche Fragen wären dazu geeignet, Qualitätsmerkmale derartiger religiöser Offerten auszumachen?
Was muss eine Religion „bringen“?
Mit welchen Suchrastern ließen sich religiöse und religionsnahe Angebote verschiedenster Herkunft - großkirchlich, aber auch auf dem offenen Markt - kritisch vergleichen?

Esoterik / Wellness / Spiritualität

Einkaufen auf dem Markt der Religionen

Von Gerhard Marcel Martin

In einer fundamental kapitalistisch orientierten Gesellschaft hat alles einen Markt, bietet möglichst attraktiv - sein Produkt an und will es als Ware verkaufen. Das gilt inzwischen auch in Lebensbereichen, in denen dies jedenfalls nicht immer so offensichtlich war wie heute, zum Beispiel auf den Kunstmärkten, im Gesundheitssystem und in der Religion. Ich bin auf Untersuchungen gestoßen, aus denen hervorgeht, dass Künstler_innen 40 % ihrer Arbeitszeit damit ausfüllen, nicht an ihren Werken zu arbeiten, sondern sie zu vermarkten. Und ganz entsprechend freut sich jede Klinikverwaltung aus ökonomischen Gründen, wenn die Zahl der operativen Eingriffe in ihrem Hause steigt. Knie- und Wirbelsäulenoperationen boomen in Deutschland zurzeit stark. Vielleicht sollte es gar nicht so verwunderlich sein, dass sich auch Religion den Gesetzen des Marktes nicht entziehen kann. Auch die Produktpalette spiritueller Angebote muss attraktiv und gut sortiert sein. Und dazu können Versprechen von grenzenlosem Wohlbefinden, die Einrichtung von Comfort-Zonen und esoterische Sonderangebote gehören.

Die Logik des Marktes

Auch kirchliches Leben ist von der Dynamik und der Logik des Marktes betroffen - und das nicht erst seit kurzem: Kirche versucht für sich zu werben, sich auf dem Markt religiöser Angebote Plätze zu sichern. Dazu gehören großflächige Plakatwerbungen, die von manchen als reißerisch empfunden werden, Internetauftritte und interaktive Kommunikationsangebote, Charmeoffensiven verschiedenster Art. Hubert Knoblauch und andere sprechen von „Populärer Religion“, von der Entgrenzung des religiösen Feldes, zurück aus privatisierten Örtlichkeiten in die Öffentlichkeit und ihre demonstrative Sichtbarkeit. Dazu gehören dann auch die Großveranstaltungen wie Kirchentage, Papstbesuche rund um den Globus und katholische Weltjugendtage - jedenfalls auch als Teil der Eventkultur.

Die Frage ist: Wie könnte man Konsumenten, umstellt von verwirrend vielen konkurrierenden religiösen Sonderangeboten, bei ihrer Orientierungssuche helfen? Mir kommt eine Idee, die möglicherweise schon lange realisiert ist: Wie wäre es, wenn auch Religionsangebote in STIFTUNG WARENTEST genauso wert-schätzend wie produkt-kritisch vorgestellt würden?

Und welche Fragen wären dazu geeignet, Qualitätsmerkmale derartiger religiöser Offerten auszumachen?

Was muss eine Religion „bringen“?

Mit welchen Suchrastern ließen sich religiöse und religionsnahe Angebote verschiedenster Herkunft - großkirchlich, aber auch auf dem offenen Markt - kritisch vergleichen?

Die Aktualität der Fragestellung

Diese Frage kann auch für den Alltag und nicht nur für die highlights der Freizeit von Bedeutung sein, kommen doch in den Gegebenheiten von Globalisierung und Migration Religionskulturen verschiedensten Formats und verschiedenster Herkunft in Kontakt miteinander. Zum Beispiel: Internationalisierte Jugendfreundschaften, aber auch Mischehen, in denen beispielsweise christliche und islamische Traditionen - und damit auch sehr heterogene Religionspraktiken und Familienerwartungen - aufeinander treffen, sind nicht mehr ungewöhnlich. Oder: Menschen, die - manchmal bis in den Beruf hinein - kirchlich gebunden sind, praktizieren Yoga und andere Körperübungen und folgen Meditationsschulen, die völlig anderer, oft buddhistischer oder hinduistischer Herkunft sind. In Theologie und Religionswissenschaft werden ernsthaft und engagiert Doppelzugehörigkeiten diskutiert und lebensgeschichtlich realisiert. Reinhold Bernhardt und Perry Schmidt-Leukel sprechen von „Multipler religiöser Identität“, und der katholische Theologe Paul F. Knitter veröffentlicht 2009 ein Buch mit dem Titel: Without Buddha I Could not be a Christian („Ohne Buddha könnte ich kein Christ sein“). Und mit solchen interreligiösen Vorstößen, nicht nur im Denken, sondern im Existenzvollzug steht er keineswegs allein. Nach allem mag deutlich sein, wie wichtig es sein könnte, auf dem spirituell offenen Markt Maßstäbe zu haben für eine wertschätzende und zugleich kritische Beurteilung religiöser, meditativer und therapeutischer Angebote. Dazu stelle ich im Folgenden einige grundsätzliche Überlegungen an. Und ich wäre daran interessiert, zu erfahren, ob Sie, liebe Leser_innen, meinen Fragekatalog gebrauchen können und wie Sie ihn für sich verändern, zusammenstreichen und / oder erweitern würden. In jedem Falle überlasse ich es aber Ihnen, diese Rückfragen versuchsweise auf die religiöse Gemeinschaft anzuwenden, zu der Sie, andere Familienmitglieder oder Menschen, die Sie besonders mögen oder gerade nicht mögen, gehören. Grenzwert Esoterik Religionsgeschichtlich neutral lässt sich da von „Esoterik“ sprechen, wo bestimmte Lehren und Praktiken nicht öffentlich zugänglich sind, sondern nur in einem inneren Kreis vermittelt, also geheim gehalten werden. Das kann gute Gründe haben. Aus einer bestimmten mentalen oder auch religiös-sozialen Sichtweise aber derartige fremde, kaum zugängliche Welten von vornherein abzulehnen oder grundsätzlich in Frage zu stellen, ist unter dem Verdacht, reine Abwehr zu sein. Sie können durchaus alternative Wirklichkeitsperspektiven eröffnen und faszinieren. Sie können aber auch gefangen setzen und gefangen halten. Wo in der Gegenwart „esoterisch“ im kritischen Sinn des Wortes gebraucht wird, sind eben solche Religionswelten gemeint, die sich, ihre Lehren, ihre Praktiken und ihre Mitglieder in Sonderwelten abschotten, ihre „Mysterien“ mystifizieren, wenig dialogfähig und -bereit sind und entsprechend hohe (bisweilen auch finanziell hohe) Zugangsschwellen haben. Im Bereich dieser „Esoterik“ ist darum die Frage nach den Leitungsstrukturen sehr wichtig: Welche Autoritäten (im indischen Kontext „Gurus“) kontrollieren die Zugänge und bestimmen die Austrittsmöglichkeiten? Aber weltanschaulich auch genereller gefragt: Wie hoch ist der Innendruck in Bezug auf reine Lehre und Zugehörigkeitserwartungen? Welche lebensfreundlichen und erfahrungsoffenen Verbindungen zwischen „esoterischen“ Sonderwelten und der Alltagswelt sind möglich oder eher unerwünscht? Verengt dieser Zugang - aufs Ganze gesehen mein Lebensfeld oder öffnet er neue Perspektiven, die Einschränkungen gerade überschreiten?

Grenzwert Wellness

Die Hoffnung auf eine Wellness-Religion ist nicht neu. In Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ proklamiert der zukünftige Staatsminister Valerio am Schluss des letzten Aktes: „ ... und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!“ („commode“ im Sinne von behaglich / bequem / ruhig)

Wellness ist die - oft dringend notwendige - Gegenparole zu Hochleistungssport auf allen Lebensfeldern. Es geht um die Erlaubnis, loszulassen, zu chillen, dem physischen Körper und dem leiblichen Leben unter dem Druck von Produktion und Konsum überhaupt eine Chance zu geben, sich wahrzunehmen und sich den Bedürfnissen entsprechend zu verwirklichen. Wobei wellnessProgramme, werden sie rigide durchgezogen, den Außen- und Innendruck durchaus noch verstärken können. Die kritische Rückfrage an die Wellness-Angebote auf kirchlichem, allgemein religiösem und offen therapeutischem Sektor aber könnte die nach ihren Glückskonzepten und ihren Realitätsausblendungen sein. Etwa: Wie weit werden das Dunkel, auch das Dunkel Gottes, wie weit werden Schmerz und unerfüllte Sehnsucht einbezogen?

Natürlich gibt es religiöse Glücks- und Einheitserfahrungen. Aber viele und vieles ist und bleibt innerweltlich existenziell verlassen, mental gestört oder abgestürzt, körperlich und / oder spirituell taub und blind, abgründig böse. Solange dies dem klaren Blick nicht entzogen ist, bleiben der Schrei nach Erlösung, die Suche nach Transzendenz im Universum. Dies ist keineswegs der einzige, gehört aber in den letzten Horizont religiöser Welt- und Selbstsicht buddhistisch wie christlich. Wo wellness- und Esoterik-Angebote diese weiteste Perspektive aussparen und überspielen, wo sie ihr nicht standhalten, sind sie nicht realitätsgerecht und stehen unter Ablenkungs- und Illusionsverdacht. Was noch lange nicht heißt, dass zur klassischen Religion ein „unglückliches Bewusstsein“ gehört und Lust am Leben verdirbt. Nur: „Religion“ bewegt sich eben im weitesten und spannungsvollen Spektrum von „Tod“ und „Leben“ und nicht ausschließlich wie andere gesellschaftliche Systeme auf ihre Weise - in den Feldern zwischen „arm“ und „reich“ / „gesund“ und „krank“ / „gut“ und „böse“. Der Vater in der Geschichte vom sog. „verlorenen“ Sohn sagt zweimal in Lukas 15: „ ... mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Nur der ältere Bruder unterstellt ihm - vielleicht sogar neidvoll - moralische Verfehlungen.

Wie gesagt: Ich bin gespannt, was Sie entdecken, wenn Sie meine Suchfragen auf Ihre eigene und Ihre familiäre religiöse Lebensbewegung anwenden.

Gerhard Marcel Martin, Professor (em.) für Praktische Theologie und Universitätsprediger (1999-2007) an der Philipps Universität Marburg. Arbeitsschwerpunkte und Veröffentlichungen bes. in den Bereichen Apokalyptik / Bibliodrama / Thomas-Evangelium / interreligiöser Dialog / Diskursfeld Theologie : Tiefenpsychologie : Ästhetik. Foto: privat

Fotos: Lehmann

Foto: Lehmann
Foto: Lehmann

Die Aktualität der Fragestellung

Diese Frage kann auch für den Alltag und nicht nur für die highlights der Freizeit von Bedeutung sein, kommen doch in den Gegebenheiten von Globalisierung und Migration Religionskulturen verschiedensten Formats und verschiedenster Herkunft in Kontakt miteinander. Zum Beispiel: Internationalisierte Jugendfreundschaften, aber auch Mischehen, in denen beispielsweise christliche und islamische Traditionen - und damit auch sehr heterogene Religionspraktiken und Familienerwartungen - aufeinander treffen, sind nicht mehr ungewöhnlich. Oder: Menschen, die - manchmal bis in den Beruf hinein - kirchlich gebunden sind, praktizieren Yoga und andere Körperübungen und folgen Meditationsschulen, die völlig anderer, oft buddhistischer oder hinduistischer Herkunft sind. In Theologie und Religionswissenschaft werden ernsthaft und engagiert Doppelzugehörigkeiten diskutiert und lebensgeschichtlich realisiert. Reinhold Bernhardt und Perry Schmidt-Leukel sprechen von „Multipler religiöser Identität“, und der katholische Theologe Paul F. Knitter veröffentlicht 2009 ein Buch mit dem Titel: Without Buddha I Could not be a Christian („Ohne Buddha könnte ich kein Christ sein“). Und mit solchen interreligiösen Vorstößen, nicht nur im Denken, sondern im Existenzvollzug steht er keineswegs allein. Nach allem mag deutlich sein, wie wichtig es sein könnte, auf dem spirituell offenen Markt Maßstäbe zu haben für eine wertschätzende und zugleich kritische Beurteilung religiöser, meditativer und therapeutischer Angebote. Dazu stelle ich im Folgenden einige grundsätzliche Überlegungen an. Und ich wäre daran interessiert, zu erfahren, ob Sie, liebe Leser_innen, meinen Fragekatalog gebrauchen können und wie Sie ihn für sich verändern, zusammenstreichen und / oder erweitern würden. In jedem Falle überlasse ich es aber Ihnen, diese Rückfragen versuchsweise auf die religiöse Gemeinschaft anzuwenden, zu der Sie, andere Familienmitglieder oder Menschen, die Sie besonders mögen oder gerade nicht mögen, gehören.

 

Grenzwert Esoterik

 

Religionsgeschichtlich neutral lässt sich da von „Esoterik“ sprechen, wo bestimmte Lehren und Praktiken nicht öffentlich zugänglich sind, sondern nur in einem inneren Kreis vermittelt, also geheim gehalten werden. Das kann gute Gründe haben. Aus einer bestimmten mentalen oder auch religiös-sozialen Sichtweise aber derartige fremde, kaum zugängliche Welten von vornherein abzulehnen oder grundsätzlich in Frage zu stellen, ist unter dem Verdacht, reine Abwehr zu sein. Sie können durchaus alternative Wirklichkeitsperspektiven eröffnen und faszinieren. Sie können aber auch gefangen setzen und gefangen halten. Wo in der Gegenwart „esoterisch“ im kritischen Sinn des Wortes gebraucht wird, sind eben solche Religionswelten gemeint, die sich, ihre Lehren, ihre Praktiken und ihre Mitglieder in Sonderwelten abschotten, ihre „Mysterien“ mystifizieren, wenig dialogfähig und -bereit sind und entsprechend hohe (bisweilen auch finanziell hohe) Zugangsschwellen haben. Im Bereich dieser „Esoterik“ ist darum die Frage nach den Leitungsstrukturen sehr wichtig: Welche Autoritäten (im indischen Kontext „Gurus“) kontrollieren die Zugänge und bestimmen die Austrittsmöglichkeiten? Aber weltanschaulich auch genereller gefragt: Wie hoch ist der Innendruck in Bezug auf reine Lehre und Zugehörigkeitserwartungen? Welche lebensfreundlichen und erfahrungsoffenen Verbindungen zwischen „esoterischen“ Sonderwelten und der Alltagswelt sind möglich oder eher unerwünscht? Verengt dieser Zugang - aufs Ganze gesehen mein Lebensfeld oder öffnet er neue Perspektiven, die Einschränkungen gerade überschreiten?

Foto: Lehmann
Foto: Lehmann

Grenzwert Wellness

 

Die Hoffnung auf eine Wellness-Religion ist nicht neu. In Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ proklamiert der zukünftige Staatsminister Valerio am Schluss des letzten Aktes: „ ... und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!“ („commode“ im Sinne von behaglich / bequem / ruhig)
Wellness ist die - oft dringend notwendige - Gegenparole zu Hochleistungssport auf allen Lebensfeldern. Es geht um die Erlaubnis, loszulassen, zu chillen, dem physischen Körper und dem leiblichen Leben unter dem Druck von Produktion und Konsum überhaupt eine Chance zu geben, sich wahrzunehmen und sich den Bedürfnissen entsprechend zu verwirklichen. Wobei wellnessProgramme, werden sie rigide durchgezogen, den Außen- und Innendruck durchaus noch verstärken können. Die kritische Rückfrage an die Wellness-Angebote auf kirchlichem, allgemein religiösem und offen therapeutischem Sektor aber könnte die nach ihren Glückskonzepten und ihren Realitätsausblendungen sein. Etwa: Wie weit werden das Dunkel, auch das Dunkel Gottes, wie weit werden Schmerz und unerfüllte Sehnsucht einbezogen?
Natürlich gibt es religiöse Glücks- und Einheitserfahrungen. Aber viele und vieles ist und bleibt innerweltlich existenziell verlassen, mental gestört oder abgestürzt, körperlich und / oder spirituell taub und blind, abgründig böse. Solange dies dem klaren Blick nicht entzogen ist, bleiben der Schrei nach Erlösung, die Suche nach Transzendenz im Universum. Dies ist keineswegs der einzige, gehört aber in den letzten Horizont religiöser Welt- und Selbstsicht buddhistisch wie christlich. Wo wellness- und Esoterik-Angebote diese weiteste Perspektive aussparen und überspielen, wo sie ihr nicht standhalten, sind sie nicht realitätsgerecht und stehen unter Ablenkungs- und Illusionsverdacht. Was noch lange nicht heißt, dass zur klassischen Religion ein „unglückliches Bewusstsein“ gehört und Lust am Leben verdirbt. Nur: „Religion“ bewegt sich eben im weitesten und spannungsvollen Spektrum von „Tod“ und „Leben“ und nicht ausschließlich wie andere gesellschaftliche Systeme auf ihre Weise - in den Feldern zwischen „arm“ und „reich“ / „gesund“ und „krank“ / „gut“ und „böse“. Der Vater in der Geschichte vom sog. „verlorenen“ Sohn sagt zweimal in Lukas 15: „ ... mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Nur der ältere Bruder unterstellt ihm - vielleicht sogar neidvoll - moralische Verfehlungen.
Wie gesagt: Ich bin gespannt, was Sie entdecken, wenn Sie meine Suchfragen auf Ihre eigene und Ihre familiäre religiöse Lebensbewegung anwenden.

Gerhard Marcel Martin, Professor (em.) für Praktische Theologie und Universitätsprediger (1999-2007) an der Philipps Universität Marburg. Arbeitsschwerpunkte und Veröffentlichungen bes. in den Bereichen Apokalyptik / Bibliodrama / Thomas-Evangelium / interreligiöser Dialog / Diskursfeld Theologie : Tiefenpsychologie : Ästhetik. Foto: privat

Editorial Oktober 2018

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

erinnern Sie sich noch an das Lied „Kinder an die Macht“? Im Refrain heißt es dort: „Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende, wir werden in Grund und Boden gelacht: Kinder an die Macht.“ Natürlich meint der Dichter des Liedes, Herbert Grönemeyer, das nicht wirklich ernst. Es braucht ja schon eine Menge Erfahrung, eine gute Bildung und einen zugewandten, gereiften Charakter, um in unserer miteinander so eng verflochtenen Welt politisch hilfreich zu agieren. Wohin das Gegenteil führt, sieht man ja derzeit ganz gut an Staatenlenkern wie Donald Trump. Und trotzdem hat Herbert Grönemeyer auch recht. Wir alle können von Kindern viel lernen, vor allem von kleineren Kindern. Es fasziniert mich immer wieder, wie aufmerksam kleine Menschen durch die Welt gehen, was sie alles bemerken und neugierig in Augenschein nehmen. Sie sehen vieles, an dem wir Erwachsenen oft achtlos vorbei gehen: z.B. auch die kleinen, unscheinbaren Wunder der Schöpfung. Mich rührt an, wie echt die meisten kleinen Kinder sind mit ihren Gefühlen, mit Freude und Leid, mit Sympathie aber auch mit Ablehnung. Bei kleinen Kindern weiß man genau, woran man ist. Da gibt es noch keine Pokerfaces und kein kalkuliertes Gehabe. Ja, kleine Kinder sind oft so herrlich leidenschaftlich, phantasievoll, spontan, sensibel und zärtlich. Und sie können noch ganz ursprünglich und bedingungslos vertrauen, auch in Sachen Glauben, wie Ines Dietrich in unserem Themenartikel so anschaulich in Erfahrung gebracht hat. Natürlich müssen wir alle irgendwann erwachsen werden. Auch unser Glaube muss das. Aber es wäre schon schön, wenn wir uns auch als Erwachsene etwas Kindliches bewahren könnten, z. B. eine ordentliche Portion kindliches Gottvertrauen – besonders dann, wenn es ans Sterben geht. Viel Freunde beim Lesen dieser KiM wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz

 

P.S. Bitte gehen Sie am 28. Oktober zur Landtagswahl und geben Sie Ihre Stimme keiner Partei, die sich im Schüren von Angst und Fremdenhass längst aus der Nachfolge Jesu verabschiedet hat!