©epd-Bild
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Martin Luther lehnte die Heiligenverehrung und damit den Heiligen Nikolaus ab. Der Reformator soll den Anstoß für das Christkind gegeben haben. Heute, knapp 500 Jahre später, kehrt das evangelische Christkind in katholische Wohnzimmer ein, und der Weihnachtsmann beschenkt mittlerweile evangelische Kinder.

 

Von Markus Bechtold

 

Martin Luthers Christkind verdrängte den Nikolaus

 

Blondgelockt, engelhaft, im weißen Kleid und mit Heiligenschein abgebildet, schleicht sich das Christkind unbemerkt in die Wohnzimmer, versteckt Geschenke unter dem Weihnachtsbaum und erlangt seinen festen Platz in Kinderherzen. Das war nicht immer so und ist heute längst nicht mehr überall der Fall. Das Christkind hat eine wechselhafte Geschichte. Martin Luther soll die engelhafte Figur als protestantischen Gegenentwurf zum Heiligen Nikolaus erfunden haben, weil er die Heiligenverehrung der Katholiken abschaffen, zugleich aber nicht auf den Brauch des Schenkens verzichten wolle. Ursprünglich wurden nämlich die Kinder vom Heiligen Bischof aus Myra am 6. Dezember beschenkt. Mit dem Heiligen Nikolaus sollten die Kinder an die Heiligenverehrung herangeführt werden. Was im Mittelalter gelebtes Brauchtum war, bekam mit Martin Luthers Reformation Flügel. Der Reformator brach im Allgemeinen nicht nur mit der Kirche in Rom, sondern im Einzelnen auch mit der Heiligenverehrung. So soll im 16. Jahrhundert die Idee vom Christkind als Ersatz für Sankt Nikolaus aufgekommen sein.

Mit der Reformation verblasste die Figur des Heiligen Nikolaus, seine Verehrung in Bildern und das Feiern seines Wirkens in Umzügen und Schauspielen. Frei wurde der Posten als Geschenkebringer. Für diese Aufgabe wurde das Christkind auserkoren. Wobei die ganze zeitliche Entwicklung immer noch in der wissenschaftlichen Diskussion steht.

Grafik: Plaßmann
Grafik: Plaßmann

Martin Luther soll das Christkind erfunden haben

 

Auch für Martin Luther soll Nikolaus zunächst der anerkannte Gabenspender der Kinder gewesen, der noch im dritten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in seinem Hause bescherte, stellte die Volkskundlerin Erika Kohler fest.

Eine Hausrechnung von den Eheleuten Luther belegt eine Ausgabe für „Niclasgeschenke“. Kohler schlussfolgerte: „Unter dem Einfluss des Reformators, dessen Anhänger später sogar Verbote für die Nikolausbescherung erließen, musste sich der Umzugsbrauch des Heiligen wandeln, wenn er nicht aussterben sollte, wie es in bestimmten Räumen geschah.“

So heißt es in den Schriften Martin Luthers: „Gleichwie man die kindlin gewenet, das sie fasten und beten und jr kleiderlin des nachtes ausbreiten, das jn das Christkindlin odder Sanct Nicolas bescheren sol.“ Neben dem Heiligen Nikolaus erwähnte Luther bereits das Christkind als Gabenbringer. Einige Autoren behaupten sogar, der Reformator höchstpersönlich habe das Christkind erfunden. Dafür gibt es allerdings keinen Beleg und auch die Forschungsmeinungen gehen in dieser Frage auseinander.

Erika Kohler stellte in ihrer Untersuchung über „Martin Luther und der Festbauch“ fest, dass Luther seit 1531 in seiner Familie im Namen des „Heiligen Christ“ bescherte. Mit seiner ablehnenden Haltung zur Heiligenverehrung soll er den Heiligen Nikolaus als Gabenbringer verdrängt haben. Je weiter sich die Reformation ausbreitete, umso mehr wurde St. Nikolaus durch das Christkind ersetzt. Evangelische Geistliche gingen lange Zeit gegen den Nikolausbrauch vor. Martin Bohemus predigte 1608: „daß etliche Eltern den Kindern etwas auf das Bett legen und sagen: Sankt Nikolaus hat es beschert, welches ein böser Brauch ist, weil dadurch die Kinder zum Heiligen gewiesen werden, da wir doch wissen, daß nicht Sankt Niklas, sondern das heilige Christkindlein alles Gute an Leib und Seele bescheret, welches wir auch allein darum anrufen sollten.“

 

Luthers Christkind ist nicht der neugeborene Jesus

 

Die Volkskundlerin Kohler war der Ansicht, dass an Hand der Verbote, die von den Verwaltungen protestantischer Städte erlassen wurden, zu ermitteln wäre, in welchem Maße mit der zunehmenden Ausbreitung der Reformation das Christkind den Heiligen Nikolaus verdrängte. So soll etwa auf Anraten des Münsterpfarrers der Straßburger Magistrat im Jahr 1570 beschlossen haben, die Nikolausumzüge zu verbieten, um den Kindern einzuschärfen, dass nicht der Heilige, sondern das Christkind, die Geschenke bringe. Noch zu Beginn der Reformation im 16. Jahrhundert wurde die Geburt Christi ausschließlich innerhalb der Kirche gefeiert. Dieses Fest im eigenen Haus zu feiern war unüblich und in evangelischen Gegenden eher Bessergestellten vorenthalten. Dort sollte das Christkind die Kinder beschenken und nicht wie in katholischen Gebieten der Nikolaus.

Wer ist aber nun der „Heilige Christ“, von dem Luther spricht? Nach dem Ethnologen Bernhard Schmelz entspricht diese Figur nicht dem neugeborenen Jesuskind, wie man zunächst annehmen könnte, sondern hat seinen Ursprung in den Engeln oder engelähnlichen Gestalten von Krippenspielen und Weihnachtsumzügen. Diese seien von Mädchen in weißen Gewändern gespielt worden, man habe die weiße Farbe als Hinweis auf Reinheit und Unschuld der Figur gewählt. Dieses „Christkind“ übernahm nach und nach in protestantischen, dann auch in katholischen Gebieten den vakant gewordenen Posten des Geschenkebringers.

Seither bringt das engelhafte Christkind die Geschenke heimlich in der Nacht, so wie es ursprünglich der Nikolaus getan hatte.

Die Jenaer Volkskundlerin Sabine Wienker-Piepho sagt, dass Martin Luther die Erfindung des Christkindes angestoßen habe, andere hätten es ausgeführt: „Das war ein kultureller Prozess.“ Als Geschenkebringer eroberte das Christkind zunächst das evangelische Deutschland und zu Beginn des 20. Jahrhunderts das katholische Bayern und Rheinland. Eine volkskundliche Umfrage von 1932 ergab, dass das ursprünglich evangelische Christkind als Geschenkebringer vorwiegend in katholische Wohnzimmer einkehrte, während der vom ursprünglich katholischen Nikolaus abgeleitete Weihnachtsmann diese Aufgabe in den evangelischen Regionen Deutschlands übernahm.

© Stadt Nürnberg Markus
© Stadt Nürnberg Markus

Das Christkind auf dem Nürnberger Christkindlmarkt verteilt Sterne zugunsten der Aktion Sternstunden.

 

Der Weihnachtsmann drängte das Christkind aus dem protestantischen Weihnachten

 

Für die Volkskunde schlug Ingeborg Weber-Kellermann 1978 eine regionale Trennung vor: Während das Christkind eher in West- und Süddeutschland, dem südlichen Thüringen und in Sachsen als Gabenbringer angesehen wurde, war in den meisten Teilen Mittel- und Norddeutschlands, aber auch in einigen ostdeutschen Landstrichen, der Weihnachtsmann für die Vergabe der Geschenke zuständig.

„Das Christkind hat einen starken Form- und Funktionswandel durchgemacht“, sagt der Regensburger Volkskundler Gunther Hirschfelder. Im protestantischen Weihnachtsbrauch spielte das Christkind eine immer geringere Rolle und wurde vom säkularisierten Weihnachtsmann verdrängt.

Der Coca-Cola-Konzern griff 1931 mit seiner Darstellung des Alten mit Rauschebart in dem rot-weißen Kostüm auf eine Zeichnung des US-Grafikers Thomas Nast in der Zeitschrift „Haper‘s Weekly“ in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Heute sind viele Weihnachtsbräuche überkonfessionell. In der Vorweihnachtszeit schreiben zahlreiche Kinder Briefe mit ihren Wünschen an das Christkind. Extra dafür eingerichtete Weihnachtspostämter beantworten sie. Ein touristischer Erfolg ist der Nürnberger Christkindlesmarkt. Seine Anfänge reichen bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Seine Strahlkraft reicht bis nach Chicago. Dort reist das gewählte Nürnberger Christkind nämlich hin, um das dort veranstaltete „Christmas Village“ zu eröffnen.

 

Hirschfelder: ,,Das Christkind ist heute anzüglich geworden“

 

Der Regensburger Volkskundler Gunther Hirschfelder stellt fest, dass sich das Christkind heute nicht so gut medial vermarkten lässt wie der Weihnachtsmann. Und selbst dieser habe in diesem Jahr Konkurrenz durch den WinterBär von Lindt und die Schneemann-Figur von Milka bekommen. In Bezug auf Schenken und Kaufen sei das Christkind medial nicht gut darstellbar, sagt Hirschfelder. In der Sprache der Medien- und Werbeindustrie sei das Christkind eine junge Figur, zwischen 14 und 16 Jahren, leicht bekleidet und androgyn bis weiblich. Durch unsere permanente Sexualisierung von Bildern und Inhalten sei das mädchenhafte Christkind anzüglich geworden. Und Weihnachten sei immer winterlicher geworden. „Das Christkind können Sie aber nicht winterlich machen, weil es immer leicht bekleidet ist und sich von der Formensprache vom Engel ableitet. Ein Engel mit Wintermantel geht nicht.“ In der Werbeindustrie sei der Engel mittlerweile durch einen durch die Luft fliegenden Rentierschlitten ersetzt worden.

Hirschfelder beobachtet, dass zunehmend christliche Worte und Elemente aus dem Weihnachtsgeschäft gedrängt werden. Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt tauche beispielsweise das Wort „Christ“ nur einmal auf: auf einem Mülleimer mit dem Schriftzug „Merry Christmas“. Der zentrale Markt auf dem Münchner Flughafen hieße „Wintermarkt“. Viele Menschen brächten heute Weihnachten nicht mehr automatisch mit Christus in Verbindung, die Krippe sei stark auf dem Rückzug auf kommerziellen Weihnachtsmärkten. Selbst der Stern von Bethlehem sei mancherorts mittlerweile zur Schneeflocke geworden.

 

Bechtold ist Redakteur bei evangelisch.de in Frankfurt am Main. Dort arbeitet er auch als Videojournalist für „chrismon.de - das evangelische Online-Magazin“. Foto: privat

Editorial Oktober 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

woran denken Sie bei dem Wort „Buße“? Denken Sie vielleicht an das finsterste Mittelalter, als Menschen sich selber geißelten, um Gott gnädig zu stimmen angesichts von Höllenangst und Epidemien? Oder werden Sie eher erinnert an den letzten Bußgeldbescheid wegen Falschparken oder zu schnellem Fahrens? So oder so – „Buße“ hat für die meisten von uns einen eher düsteren, negativen Klang. Und wenn ein Satz wie: „Das wirst du mir büßen“ ausgesprochen wird, weiß jeder, was die Stunde geschlagen hat. Von daher ist auch nachvollziehbar, dass die wenigsten Menschen noch etwas anzufangen wissen mit dem Buß- und Bettag, der noch bis 1995 gesetzlicher Feiertag war. Manchmal aber wird das, was dieser evangelische Feiertag im Blick hat, mit Händen greifbar. Ich denke z. B. an jenen Mitfünfziger, der sich einer schweren Herzoperation unterziehen musste. Eine Herzklappe versagte den Dienst. Vermutlich ausgelöst durch eine übergangene Grippe. Angesichts der Tatsache, dass sein Leben plötzlich an einem seidenen Faden hing, stand für diesen Mann sein gesamtes bisheriges Lebenskonzept in Frage. „Wofür habe ich mich so abgeplagt all die Jahre? Warum hatte ich immer nur so wenig Zeit für Kinder, Frau und Freunde? Was habe ich gemacht mit meinen Träumen? Und: was für einen Wert hat das Ergebnis meiner Arbeit, die zwar gut bezahlt wurde, aber doch sehr vordergründigen Zielen dient?“ Im Grunde geht es beim Thema „Buße“ aus evangelischer Sicht immer um solche existenziellen Fragen: Wozu lebe ich? Wofür setze ich die mir von Gott anvertraute Lebenszeit ein? Haben die Prämissen meines Lebens noch etwas mit Gottes Willen zu tun? Es geht um eine radikal ehrliche Selbstreflexion vor Gottes Angesicht. Aber nicht mit dem Ziel der Selbstzerknirschung. Sondern mit der Chance eines Neuanfangs, einer Neuausrichtung des Lebens, bevor es womöglich zu spät ist. Professor Dr. Christoph Barnbrock trägt in unserem Themenartikel noch viele weitere wichtige und bedenkenswerte Aspekte zum Thema „Buße“ zusammen, die allesamt zeigen: Buße – richtig verstanden – ist und bleibt topaktuell! Eine KiM-Lektüre mit viel Gewinn wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz