Foto: BettinaF_pixelio.de
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Gegenwärtige Herausforderungen religiöser Bildung

Von Professor Marcell Saß (Marburg)

In jedem Wintersemester findet bei uns im Fachbereich Evangelische Theologie für alle Studierenden mit dem Berufsziel Religionslehrer/in am Gymnasium eine Einführungsvorlesung in die Religionspädagogik statt. In der ersten Stunde schreibe ich das Wort „Religions-Pädagogik“ an die Tafel und frage in die Runde: „Sehen Sie in diesem Wort irgendwelche Spannungen?“ Religion sei doch etwas sehr Persönliches, meint sofort eine Studentin. „Und Erziehung oder Pädagogik will öffentlich etwas vermitteln.“ Ein anderer bemerkt: „Religion ist Gefühlssache, und Pädagogik beschäftigt sich mit Inhalten – das passt nicht zusammen“. Jemand, der bereits einige andere Seminare in Theologie belegt hat, erwidert: „Pädagogik und Erziehung haben mit Lernen zu tun, und Religion oder Glauben kann man nicht lernen. Das ist ein Geschenk.“ Und schon allein in der Tatsache, dass es überhaupt so etwas wie religiöse Erziehung und Bildung gibt, erblickt eine andere das Problem: „Das muss doch jeder für sich selbst herausfinden!“ In den Äußerungen begegnen uns vielfältige Einstellungen zu Religion, Christentum und Kirche, aber auch zu Bildung und Erziehung. Sie bilden einen interessanten Ausschnitt von dem, was sich in unserer Gesellschaft gegenwärtig verbreitet. Zudem kommen darin grundsätzliche Herausforderungen zur Sprache, mit denen sich religiöse Bildung und Erziehung auseinandersetzen müssen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Empirisch wissen wir nicht erst seit der großen letzten Kirchen-mitgliedschaftsuntersuchung um das Schwinden der Selbstverständlichkeit christlicher bzw. besser kirchlicher Bindungen. Das lässt sich einerseits an der Erosion von Mitgliedschaft gut ablesen, wird andererseits aber auch durch den demographischen Wandel unserer Gesellschaft begünstigt: Evangelische Kirche ist prognostisch von einer alternden Gesellschaft noch stärker betroffen, oder anders formuliert: Die große Mehrzahl der Mitglieder ist (zukünftig) alt –und es werden folglich weniger.

Prof. Dr. Marcell Saß Foto: privat
Prof. Dr. Marcell Saß Foto: privat

Prof. Dr. Marcell Saß (geb.1971) war Pfarrer und Religionslehrer in Wilhelmshaven und Wissenschaft-licher Mitarbeiter an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Münster. Seit März 2013 lehrt er Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Religions-pädagogik in Marburg.

 

Authentizität

Hinzu kommt, dass religiöse Fragen kaum mehr anhand traditioneller Begriffe oder überkommener dogmatischer Leitfiguren entschieden werden – ob das „früher“ wirklich so viel anders war, sei hier einmal dahingestellt. Gleichwohl ist, so hat es der Religionssoziologe Armin Nassehi einmal formuliert,(jugendliche) religiöse Kommunikation heute vor allem durch den Modus der Authentizität bestimmt. D.h.: Individuelle Geltung hat etwas nur dann, wenn es authentisch vollzogen wird. In den Äußerungen, dass Religion Privatsache sei, jeder selbst entscheidet, was er glauben kann, tritt dies anschaulich zu Tage. Fast scheint es, als sei die verbreitete Forderung „Sei authentisch!“ so etwas wie der neue kategorische Imperativ unserer Zeit. Dass damit Brüche oder Unvereinbarkeiten (Nassehi nennt das „Inkonsistenzen“) verschiedener religiöser Traditionen in Kauf genommen werden, bzw. für viele gar kein Problem sind, erschwert ein Nachdenken über Ziele christlich-religiöser Bildung und Erziehung. Wer also über religiöse bzw. über christliche Bildung und Erziehung gegenwärtig nachdenkt, muss solche Spannungen zwischen Gesellschaft und Kirche, Tradition und Lebenswelt, Glaube, Religion und Kultur beachten. Wichtig ist es dabei, die Spannungen nicht einfach einseitig aufzulösen. Sonst droht traditionalistische Erstarrung oder ebenso wenig hilfreiche Beliebigkeit. 

Foto: Dieter Schütz_pixelio.de
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Bereits 1929 hat der Religionspädagoge Gerhard Bohne (1895-1977) in seinem Buch „Das Wort Gottes und der Unterricht“ darauf hingewiesen, dass für jeden Unterricht in Religion Spannungen konstitutiv sind. „Spannung“ ist geradezu der Schlüsselbegriff eines jeden Nachdenkens über religiöse Bildungund Erziehung. Im Rückgriff auf Anregungen der sog. dialektischen Theologie sucht Bohne den Unterricht in Religion theologisch und pädagogisch zu begründen; das Dilemma liegt darin, dass göttliche und menschliche Wirklichkeit, oder anders, in Bohnes Worten, Evangelium und Kultur, nicht in eins fallen, sondern ein spannungsvolles Wechselverhältnis bilden, das zu gestalten sei. Theologisch gelte es die Unverfügbarkeit Gottes zu betonen, pädagogisch das Interesse an der Lebenswelt junger Menschen nicht zu vernachlässigen. Spannung ist dabei nicht als unüberbrückbarer Gegensatz gemeint, sondern als notwendige Einheit im Gegensatz, als „Wirklichkeit“, die Bohne mit dem elektrischen Strom vergleicht, der zwischen zwei Polen fließt. Hilfreich an Bohnes filigraner Argumentation ist heute, dass sie verhindert, entweder nur in ein kirchlich-depressives Klagelied des Verfalls christlicher Traditionen einzustimmen oder dem gegenüber in Individualität und Pluralität die alleinigen Segnungen unserer Zeit zu erblicken. Theologische und pädagogische Sichtweisen auf religiöse Bildung und Erziehung sind nicht zwei einander ausschließende Alternativen, sondern notwendige Seiten derselben Medaille. Lebensweltorientierung und theologische Plausibilitäten gehören spannungsvoll zusammen – übrigens ein vollends reformatorischer Grundgedanke, der sich in Martin Luthers Forderung nach einer „Verständlichkeit“ des Glaubens erblicken und in seinen Katechismen eindrucksvoll nachlesen lässt sowie – etwas später – in Wolfgang Rathkes(Ratichius) Betonung einer notwendigen Zusammenschau vonTheologie und Didaktik weiterpräzisiert wurde.

Spannungen aushalten und gestalten

Alle, die religiöse Bildung und Erziehung verantwortlich gestalten, sei es in den Ortsgemeinden, an kirchlichen Orten wie Evangelische Akademien oder in Fortbildungen, in der Schule oder anderswo, hauptberuflich oder ehrenamtlich ,sind gut beraten, Spannungen wahr- und ernst zu nehmen, sie auszuhalten und produktiv zugestalten. Dafür gibt es übrigens schon bei Bohne ein bildungstheoretisches Argument: Menschen sollen befähigt werden, selbstbewusst Entscheidungen treffen zu können; wir würden heute sagen: Es geht für Menschen aller Altersstufen um die Förderung ihrer religiösen Mündigkeit. Zur Wahrnehmung der genannten Spannungen gehört dann auch eine kundige Unterscheidung von Begriffen, die unsere Vorstellungen bestimmen und leiten. Es geht darum, religiöse, christliche und kirchliche Erziehung, Bildung und Sozialisation in ihrem Spannungsverhältnis genauer zu bestimmen. Häufig werden diese unterschiedlichen Dimensionen nämlich schlicht verwechselt oder vermischt: wer Religion sagt, meint kirchlich, wer von Bildung spricht, hat eher Erziehung im Sinn. Zwei Ebenen von Unterscheidungen gilt es zu bedenken: Die Unterscheidung von Religion, Christlichkeit und Kirche liegt auf einer eher theologischen,die von Erziehung, Bildung und Sozialisation auf einer eher pädagogischen Ebene. 

Kirche und Religion

Dass Kirche und Religion nicht in eins fallen, sieht man schon bei einem flüchtigen Blick in Zeitung oder das Internet: Religiöse Vielfalt, Angebote esoterischer Literatur, die gewachsene Begeisterung für asiatische Religionen u. v. m. machen das deutlich. Aber in der Unterscheidung von Religion, Theologie und Glaube liegt zugleich ein wesentlicher Impuls des Protestantismus, in Auseinandersetzung mit den Anregungen der Aufklärung. Mein Göttinger Kollege Bernd Schröder hat darauf hingewiesen, dass in dieser wesentlich von Johann Salomo Semler (1725-1791) ausgearbeiteten Unterscheidung sich Religion auf individuelle, menschliche Praxen und Deutungen beziehe (anthropologische Perspektive), während Theologie auf die religionsgemeinschaftliche Lehrbildung abziele. Als kulturelle Praxis könne somit „Religion“ beobachtet, beschrieben und Gegenstand von Bildung und Erziehung sein. Gegenüber dieser anthropologischen Perspektive gelte es, Glaube als etwas zu unterscheiden, was sich lediglich unter den Bedingungen von Gottes Wirklichkeit beschreiben lässt. Damit ist einiges gewonnen, weil die Spannung zwischen einer anthropologisch-religiösen und einer kirchlichen Perspektive auch für religiöse Bildung und Erziehung konstitutiv bleibt. Es gilt, individuelles religiöses Erleben von Menschen nicht als defizitär wahrzunehmen, zugleich jedoch eine spezifisch an evangelischer Religionorientierte Perspektive zur Geltung zu bringen. Erschwerend kommt hinzu, dass in unserer Gesellschaft Kirchlichkeit und Christlichkeit nicht in eins fallen, sondern ebenfalls zu unterscheiden sind. Das zeigt sich an den vielen Menschen, die zwar keine besondere Nähe zur Evangelischen Kirche haben, gleichwohl aber Grundüberzeugungen des Christentums wie das „Helfen“ teilen, eindrucksvoll ablesbar an der Wertschätzung, die etwa die Diakonie nach wie vor erfährt. Wer nun in sinkenden Mitgliederzahlen oder einer authentischen, inkonsistenten religiösen Kommunikationskultur das Ende der Zeiten erblickt, zeigt sich nicht nur erstaunlich kleinmütig, sondern unterläuft geradezu eine für den Protestantismus wesentliche Unterscheidungskategorie und löst die Spannungen einseitig auf. Zudem wird dabei eher einseitig auf Erziehung und Sozialisation abgehoben. Erziehung meint dann das intentionale Handeln, die Vermittlung von Inhalten. Im Bereich kirchlich-religiöser Erziehung werden demgegenüber dann gelegentlich die in Familie, Medien, Schule und Gegenwartskultur unübersehbaren Veränderungen als Infragestellung dieser zutiefst beklagt. Keine Frage, bewusstes Handeln und die Aufmerksamkeit für Veränderungen innerhalb der (religiösen)Sozialisation gehören in jedem Bildungsprozess zusammen.

Religiöse Bildung

Mit dem Rückgriff auf die Idee religiöser Bildung ist aber nun etwas zur Hand, was vor allem auf die mündige Auseinandersetzung des Individuums, auf Selbst-Bildung, abzielt und nicht im Sinne von Kirchlichkeit einfach funktionalisiert werden kann. Als Eben-Bild Gottes ist der Menschen ein sich lebenslang bildendes Wesen. Dazu braucht es sicher Inhalte, Material und Impulse. Vor allem braucht es aber Räume, in denen nicht nur spezifische Formen von Kirchlichkeit Gegenstand von Bildungsprozessen sind, sondern die je einzelne, religiös durchaus divergierende, Selbst-Bildung möglich ist. Gerade im Bildungsbegriff liegt im Changieren zwischen inhaltlicher Aneignung und individueller Bewältigung die Chance, produktiv mit Spannungen umzugehen. Wie das aussehen kann, sei abschließend an zwei knappen Beispielen verdeutlicht. 

Foto: Paavo Blåfield
Foto: Paavo Blåfield

Familie und Patenamt

Insbesondere in kirchlichen Kreisen wird der Wandel familialer Lebensformen bisweilen mit Besorgnis zur Kenntnis genommen und die fehlende religiöse Sozialisation als Alarmsignal bewertet. Dabei zeigt sich, dass mit religiöser Sozialisation häufig eher spezifische Praktiken wie das Tischgebet gemeint sind, und der Familienbegriff an Vorstellungen der bürgerlichen Familie des 19.Jahrhunderts orientiert bleibt. Ein flüchtiger Blick in die Bibel zeigt aber schon, dass dort mit dem „Haus“ als soziale Vorform unserer heutigen Familie weit mehr gemeint ist als eine besondere Form der Blutsverwandtschaft. Das Patenamt als „geistliche Verwandtschaft“ nimmt diese Idee familialen Zusammenlebens übrigens theologisch sinnvoll auf, die Beteiligung von Eltern an einer vorgezogenen Konfirmandenzeit inder 3. Klasse ebenso wie die Vorstellungen, jugendliche Teamerinnen und Teamer in der Konfirmandenzeit seien so etwas wie große Brüder/Schwestern. Und religionssoziologisch zeigen sich wichtige Hinweise auf die Bedeutung von Ritualen für das familiale Zusammenleben– liturgisch übrigens erfolgreich integriert im Einschulungs-gottesdienst.

Medien

Im Blick auf Medien scheint die Befürchtung zu überwiegen, dass mit neuen Kommunikationstechnologien gleichsam das Ende das Abendlandes erreicht sei, Jugendliche nunmehr nur noch vor Smartphone und Computer sitzen, kirchliche Gemeinschaftsformen dadurch vollends verdrängt werden. Sieht man einmal von der bildungsbürgerlichweit verbreiteten Abscheu gegenüber Fernsehen, Radio und Internet ab, so macht ein kurzer Blick in die Religionsgeschichte deutlich, wie sehr von jeher Religion auf mediale Vermittlungen angewiesen ist. Sie braucht(e) Medien zu allen Zeiten. Jörg Rüpke, Religionswissenschaftler, hat einmal gesagt: Das Brot haben wir einfach so auf dem Tisch und können es wahrnehmen. Um aber Gott auf den Tisch zu holen, bedarf es ziemlicher Anstrengungen. Sprachlich letztlich Unverfügbares muss über mediale Vermittlung verfügbar gemacht werden. Man bedenke: Ohne eine technische Innovation, die Erfindung des Buchdruckes, wäre die mediale Verbreitung der Reformation in Form von Flugblättern und Büchern unmöglich gewesen. Nun verändern sich zwar die Medien, die Notwendigkeit religiöser Bildung in veränderten Kontexten bleibt aber zugleich auf Medien angewiesen. Kirchlichen Bildungsbemühungen eröffnen sich gegenwärtig große Chancen, die gewiss auch einen Abschied von lieb gewonnen Vorstellungen kirchlich-religiöser Erziehung bedeuten. Damit zu ringen, zufragen, wie religiöse Bildung auf Familie, Medien und mehr noch auf religiöse Pluralität oder die Forderung der Inklusion pädagogisch zeitgemäß, theologisch aufmerksam und evangelisch konturiert bezogen werden kann, ist eine Herausforderung, die reizvoll und viel versprechend ist – und das ist „gutevangelisch“!

Editorial November 2018

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

in den vergangenen Jahren wurde dem Islam sehr häufig ein ungeklärtes Verhältnis zur Gewalt unterstellt. Vorgehalten werden dessen Vertretern dann gerne Suren aus dem Koran, die zum Kampf gegen Andersgläubige und zur Eroberung der Welt aufrufen. Fakt ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten viel Gewalt im Namen Allahs verübt wurde, allen voran durch Terrorgruppen wie Al-Quaida und Mitglieder des sogenannten Islamischen Staates. Fakt ist, dass es auch in Deutschland muslimische Gruppen und Moscheen gibt, die einer radikalisierenden Auslegung des Korans zugetan sind. Fakt ist aber auch, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime nicht nur in unserem Land diese gewaltbereite Auslegung des Koran entschieden ablehnen und sich für ihre Lebensausrichtung eher auf die Suren im Koran berufen, die zu einem friedvollen Umgang mit den Mitmenschen aufrufen. Was wir Christinnen und Chris ten oft vergessen: Auch in der Bibel gibt es viele Abschnitte, die im Namen Gottes zur Gewalt aufrufen und die in der Geschichte der Christenheit oft als Rechtfertigung für gewaltvolles Handeln herhalten mussten. Selbst nach Reformation und Aufklärung war es in der Nazizeit möglich, Antisemitismus und die millionenfache Ermordung von Juden mit Stellen aus dem Johannesevangelium zu sanktionieren. Noch heute werden weltweit Homosexuelle von Christinnen und Christen unter Berufung auf einzelne Sätze aus Paulusbriefen diskriminiert und verfolgt. Und mitten in Deutschland wird die körperliche Züchtigung von Kindern immer noch gerne gerechtfertigt mit dem einem biblischen Satz aus dem Buch der Sprüche: „Wer seine Rute schont, hasst seinen Sohn; aber wer ihn lieb hat, züchtigt ihn beizeiten.“ (Spr. 13,24) Professor Rainer Kessler setzt sich in unserem Themenartikel mit einer der gewaltvollsten Erzählungen der Bibel auseinander und macht deutlich, wie nötig ein differenzierter Umgang mit der Quellschrift unseres christlichen Glaubens ist und bleibt, um der Gefahr der Einseitigkeit und der Radikalisierung zu entgehen. Im Namen der Redaktion wünsche ich Ihnen eine anregende KiM-Lektüre.

  

Ihr

Christoph Seitz