„Wie die Orgelpfeifen“ ©Vosch / www.piqs.de
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Das Christentum als Tochter des Judentums aus der Sicht eines Christen

 

Von Dr. Klaus Dorn

 

Jesus, der Jude

„Jesus war erst Jude und dann ist er zum Christentum konvertiert.“

Diesen Satz habe ich in Varianten schon mehrfach gehört, über Jesus, über seine Jünger, auch über Paulus. Das ist natürlich Unsinn, denn Jesus war und blieb Jude, genauso wie seine Jünger. Das Christentum, der Glaube an Jesus als den Christus, war erst nach Ostern möglich. Erst mit Ostern wird der gekreuzigte Jesus von Nazareth nach christlicher Vorstellung zu dem von Gott bestätigten Christus. Und trotzdem scheint sich die „Jesusbewegung“ schon von Anfang an vom Judentum entfernt zu haben. Jesus tauft, zumindest anfangs, wie sein Lehrer Johannes. Er spricht nicht (oder kaum) vom kommenden Zorngericht, und ruft auch nicht zur Umkehr auf, denn er weiß, dass der Mensch, der in Schuld ist, sich nicht am eigenen Schopf herausziehen kann. Das kann nur einer, der außerhalb steht, und dieser Eine ist Gott. Der aber zieht jeden heraus, auch und gerade die Sünder. Das ist die Botschaft Jesu: Das Reich Gottes ist jetzt, im Augenblick, in seinem Wirken im Anbruch begriffen, und deshalb erfahren Kranke Heil, und Armen wird die frohe Botschaft verkündet. Die Macht des Feindes ist jetzt schon anfanghaft gebrochen und Gott vergibt jetzt schon die Sünden, durch Jesus, den Nazarener. Freilich ist diese Botschaft auch bei Jesus noch (fast) ausschließlich an die „verlorenen Schafe des Hauses Israel“ gerichtet, ganz im Gegensatz zu manchen Gruppierungen im Israel seiner Zeit aber an alle Israeliten, und nicht nur an eine kleine Elitegruppe.

Eine unpolitische Botschaft wird zum Politikum

Die unpolitische Botschaft Jesu, die sich an die einfachen Menschen seiner Zeit und seines Wirkungsraumes richtet, ist teilweise neu - oder doch außergewöhnlich. Sie ist aber auch diskutabel: Im Gegensatz zu den Evangelien, die den zunehmenden Konflikt mit dem Judentum und v. a. mit den Pharisäern widerspiegeln, dürfte Jesus selbst mit den Pharisäern diskutiert haben. Sie sind eine Gruppe, die die Überlieferungen der Väter diskutierten, adaptierten und damit alltagstauglich machten. Die Pharisäer sind Gegner des Frühchristentums, aber sicherlich nicht Gegner Jesu. Sie tragen keine Schuld am Tode Jesu.

Wie kommt es aber dann zum Tode Jesu, wenn doch seine Botschaft vom guten Vater unpolitisch ist?

In der Zeit Jesu wie auch in der Zeit der Kirche bis noch vor ca. 200 Jahren konnte eine theologische Botschaft gar nicht unpolitisch sein, denn Politik und Religion waren auf das Engste miteinander verwoben. Wer Kritik an der Gesellschaftsordnung, an Kaiser, König, Adel oder Kirche übte, und sei es im Namen Gottes, war natürlich politisch.

Die Botschaft Jesu von diesem Gott musste zwangsläufig das ganze System von Schuld und Sühne in Frage stellen. Die Vergebung Gottes erfordert keine Sühnerituale mehr, keine Priester, keine Opfer und auch keinen Tempel. Dieser aber und seine Führung durch die Priesterhierarchie, allen voran dem Hohenpriester, waren für die Stabilität in der Provinz Juda unverzichtbar. Der Hohepriester war das geistliche wie auch politische Oberhaupt der Provinz, so weit dies die römische Macht, vertreten durch den Prokurator/Präfekten, zuließ. Die Tatsache, dass der Hohepriester Kaifas/Kajaphas etwa zur gleichen Zeit (36 n. Chr.) abgesetzt wird wie Pontius Pilatus, lässt auf ein relativ harmonisches Miteinander der beiden schließen.

In einer derartigen Verflechtung von Religion und Staat musste jeder Angriff auf eine der beiden Institutionen auch die jeweils andere treffen. So gesehen ist es durchaus glaubwürdig, dass Jesus als politischer Aufrührer hingerichtet wurde. Dafür spricht die Art der Todesstrafe (Kreuzigung) sowie die auf einer Tafel festgehaltene Anklage (König der Juden). Die ersten Christen glauben nun einfach, dass dieser als Aufrührer hingerichtete Jesus von Nazareth auferstanden und damit von Gott als der Messias Israels bestätigt worden sei. Dies tat ihrem Jude-Sein keinen Abbruch.

Wie lange es nach seiner Hinrichtung dauerte, ehe man zum Bekenntnis an seine Auferstehung kam und wann die ersten Erscheinungen stattfanden, ist unbekannt. Der „dritte Tag“ (vgl. 1 Kor 15,4 wie auch die Auffindung des leeren Grabes) ist ein „theologisches Datum“, das wahrscheinlich auf Hos 6,2 zurückgeht.

Die danach über Israel hinausgehende Mission verdankt sich der universalen Bedeutung der Auferweckung Jesu als endzeitliches Ereignis. Sie sprengt damit den ethnischen wie auch geographischen Rahmen von Israel. Daher kann der Auftrag zur Heidenmission auch nur dem Auferstandenen zugeschrieben werden: So kommt es (vgl. Apg) zu ersten Taufen von Nichtjuden, nun nicht mehr als Bußtaufe à la Johannes, sondern als Taufe auf den Namen Jesus, die die Zugehörigkeit zur endzeitlichen Heilsgemeinde initiiert.

 

Ist Paulus an allem Schuld?

Die umfangreichste Mission unter den Nichtjuden wird der Apg zufolge dem Diasporajuden Paulus zugeschrieben. Er gilt unter Juden als Begründer eines Christentums, das sich von seinen jüdischen Wurzeln gelöst habe und bekommt daher keine guten Noten. Er sei für die Trennung des Christentums vom Judentum verantwortlich.

Dies ist in gewisser Weise richtig, aber Paulus war keineswegs der erste und auch nicht der einzige, der diesen Weg gegangen ist, und vermutlich war er nicht einmal der radikalste: Es kommt bereits in den fünfziger Jahren des ersten Jahrhunderts zur gesetzesfreien Heidenmission - als logische Konsequenz des Auferstehungsglaubens: Wenn Jesus aufgrund des (jüdischen) Gesetzes zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, Gott ihn aber auferweckt hat, dann ist das Urteil und das Gesetz, das dazu führte, vor Gott nicht gültig! Damit aber hängt das Heil eines Menschen fortan nicht mehr an der Befolgung des Gesetzes, sondern an der Zugehörigkeit zu Jesus. Hier aber kann es nur eine Alternative, und kein „sowohl ... als auch“ geben. Gesetz einerseits und Heil durch Jesus andererseits schließen einander aus. Dies betont Paulus vor allem im Galaterbrief, wo jüdische Missionare auftauchen, um die galatischen Neuchristen nachträglich zu judaisieren. Wie sich Paulus selbst verhalten hat, ist umstritten.

Der Abschnitt in Gal 2,11-14 weist aber darauf hin, dass er ohne Bedenken mit Heidenchristen (eucharistische?) Tischgemeinschaft pflegte - ein Verhalten, das nach jüdischem Verständnis verunreinigend sein musste.

Die Trennung

Damit trennen sich schon bald die Wege von Christentum und Judentum. Das Judentum schottet sich von der christlichen „Sekte“ ab und schließt Judenchristen aus der Synagoge aus. Das Christentum wird zu einer eigenen Gruppe, die zunehmender Verfolgung ausgesetzt ist, da die Christen nicht mehr die römischen Staatsgötter verehren.

Mit der konstantinischen Wende, die das Christentum zunächst erlaubt und später dann zur Staatsreligion macht, wird nun das Judentum der Verfolgung durch die Christen ausgesetzt. Viele Vorurteile, ursprünglich gegen die Christen gerichtet, richten sich nun gegen die Juden. Sie sind angeblich die verstockten Gottesmörder, die zwar als abschreckendes Beispiel geduldet, aber gesellschaftlich nicht als gleichwertig akzeptiert werden.

 

Antijudaismus und Antisemitismus

Aus dem religiös bestimmten Antijudaismus des Mittelalters und der frühen Neuzeit wird im Zuge der Nationalstaaten im 19. und 20. Jahrhundert ein ethnisch geprägter Antisemitismus. Wer jüdische Vorfahren hat, ist Jude, egal was er glaubt. Der Antisemitismus ist in ganz Europa weit verbreitet, aber nirgends sonst wird er derart nachhaltig vertreten wie im Nazi-Deutschland. Es kommt zu einer perfektionierten Ermordung von Juden - in einem Land, das eigentlich christlich war. Dies hat nicht nur das Verhältnis von Juden zu Deutschland, sondern auch das Verhältnis zwischen Juden und Christen nachhaltig belastet.

Das Judentum und der Staat Israel - ein schwieriges Verhältnis

Im Judentum führte die Naziverfolgung dazu, dass man sich neu als erwähltes, aber auch verfolgtes und geschundenes Volk verstand und definierte. Das ist mehr als verständlich, ist aber auch - und gerade für die Zukunft des Judentums eher problematisch, denn die Zustimmung zu einer derartigen Selbstbestimmung nimmt zwangsläufig mit jeder Generation ab - bei Deutschen, wie auch bei Juden. Damit besteht die Gefahr des Identitätsverlustes! Kaum weniger problematisch ist es, jede kritische Meinung gegenüber der Regierung Israels als Antisemitismus zu bezeichnen. Die Besiedelung der Westbank z. B. stellt völkerrechtlich schlichtweg eine Annexion fremden Landes dar und ist damit Unrecht! Bei jungen Israelis, und hier in erster Linie den nicht religiösen oder zumindest nicht orthodoxen, findet sich diese Verhaftung an die Vergangenheit zunehmend nicht mehr: Sie verstehen sich als Staatsbürger eines modernen demokratischen Staates im Nahen Osten, und wenn sie kämpfen, dann für ihr Recht zu leben und in diesem Lande zu leben - und nicht für das Reich Davids.

Israel hat heute auch noch mit anderen Problemen als dem Holocaust-Erbe zu kämpfen. Diese hängen merkwürdigerweise gerade mit dem Sieg Israels im Sieben-Tage-Krieg zusammen, in dessen Verlauf die bisher jordanische Westbank erobert wurde. Orthodoxe Kreise betrachten dieses Gebiet als Teil jenes Landes, das Gott dem Stammvater Abraham zugesprochen hatte und das zum Reich Davids gehörte. Es ist daher unverzichtbar, und ein Staat Palästina ist unabhängig von der Haltung der Fatah und der Hamas zum Staat Israel daher völlig undenkbar. Die Armee Israels dient nicht mehr dazu, das Land gegen äußere Feinde zu verteidigen, sondern die Ordnung im Inneren aufrecht zu erhalten und eventuelle Unruhen von Palästinensern zu unterbinden. Selbst die Palästinenser, die von Anfang an in Israel in den Grenzen von 1948 leben, haben als Bürger Israels mit israelischem Pass keineswegs die gleichen Rechte wie Juden.

Und so wird Israel von einem Teil seiner Bürger eben nicht als demokratischer Staat, sondern als Unterdrückerregime verstanden. Die ständige Gefahr von Attentaten führt bei Israelis zu einer ganz eigenen Lebensweise: der Verdrängung einerseits und dem Lebensgenuss im Jetzt andererseits. Ein Friede, der beiden Seiten dringend zu wünschen wäre, ist unter diesen Voraussetzungen kaum in Sicht. Schalom und Salam - vielleicht begreift man doch irgendwann einmal, dass der andere ein Bruder ist.

 

Fotos: Dorn

 

Dr. Klaus Dorn, geboren 1951 in Laufach bei Aschaffenburg. Studium der Theologie und Physik in Würzburg und Jerusalem, Hochschuldozent am Katholisch-Theologischen Seminar an der Philipps-Universität für Einleitungswissenschaft, neutestamentliche Exegese und Hebräisch. Katholischer Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Foto: privat

Editorial Oktober 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

woran denken Sie bei dem Wort „Buße“? Denken Sie vielleicht an das finsterste Mittelalter, als Menschen sich selber geißelten, um Gott gnädig zu stimmen angesichts von Höllenangst und Epidemien? Oder werden Sie eher erinnert an den letzten Bußgeldbescheid wegen Falschparken oder zu schnellem Fahrens? So oder so – „Buße“ hat für die meisten von uns einen eher düsteren, negativen Klang. Und wenn ein Satz wie: „Das wirst du mir büßen“ ausgesprochen wird, weiß jeder, was die Stunde geschlagen hat. Von daher ist auch nachvollziehbar, dass die wenigsten Menschen noch etwas anzufangen wissen mit dem Buß- und Bettag, der noch bis 1995 gesetzlicher Feiertag war. Manchmal aber wird das, was dieser evangelische Feiertag im Blick hat, mit Händen greifbar. Ich denke z. B. an jenen Mitfünfziger, der sich einer schweren Herzoperation unterziehen musste. Eine Herzklappe versagte den Dienst. Vermutlich ausgelöst durch eine übergangene Grippe. Angesichts der Tatsache, dass sein Leben plötzlich an einem seidenen Faden hing, stand für diesen Mann sein gesamtes bisheriges Lebenskonzept in Frage. „Wofür habe ich mich so abgeplagt all die Jahre? Warum hatte ich immer nur so wenig Zeit für Kinder, Frau und Freunde? Was habe ich gemacht mit meinen Träumen? Und: was für einen Wert hat das Ergebnis meiner Arbeit, die zwar gut bezahlt wurde, aber doch sehr vordergründigen Zielen dient?“ Im Grunde geht es beim Thema „Buße“ aus evangelischer Sicht immer um solche existenziellen Fragen: Wozu lebe ich? Wofür setze ich die mir von Gott anvertraute Lebenszeit ein? Haben die Prämissen meines Lebens noch etwas mit Gottes Willen zu tun? Es geht um eine radikal ehrliche Selbstreflexion vor Gottes Angesicht. Aber nicht mit dem Ziel der Selbstzerknirschung. Sondern mit der Chance eines Neuanfangs, einer Neuausrichtung des Lebens, bevor es womöglich zu spät ist. Professor Dr. Christoph Barnbrock trägt in unserem Themenartikel noch viele weitere wichtige und bedenkenswerte Aspekte zum Thema „Buße“ zusammen, die allesamt zeigen: Buße – richtig verstanden – ist und bleibt topaktuell! Eine KiM-Lektüre mit viel Gewinn wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz