Das Gute Leben entdecken

Was Kirchengemeinden zur Gestaltung der Großen Transformation beitragen können

Von Klaus Heidel

Foto: Stefan Aumann
Foto: Stefan Aumann

Seit langem wissen wir: Der menschengemachte Klimawandel ist die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Denn die globale Erwärmung kann dramatische Folgen haben. Man mag zwar darüber streiten, ob die 2009 in Kopenhagen politisch vereinbarte Grenze einer Erwärmung um 2° C über dem vorindustriellen Niveau wirklich jene Grenze ist, jenseits der der Klimawandel nicht mehr beherrschbar ist, nicht strittig aber ist, dass sich die negativen Folgen der globalen Erwärmung mit ihrer Höhe verschärfen. Je höher sie ausfällt, desto häufiger und heftiger werden extreme Wetterereignisse, desto mehr Land wird sich in Wüsten verwandeln, desto bedrohlicher wird der Anstieg der Weltmeere ausfallen, desto mehr Menschen werden ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort nicht mehr leben können, desto wahrscheinlicher werden klimabedingte kriegerische Auseinandersetzungen vor allem in Afrika ... Die Aussichten sind nicht gut, wenn wir dem jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarates vom April 2014 folgen. Werden weltweit keine zusätzlichen Anstrengungen zur Begrenzung der globalen Erwärmung unternommen, wird die globale Durchschnittstemperatur zum Ende des Jahrhunderts um 3,7 bis 4,8° C über dem vorindus - triellen Niveau liegen. Denn das rapide Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Weltwirtschaft treiben den Energieverbrauch voran, und dieser wird überwiegend mit fossilen Energieträgern gedeckt werden. Selbst Deutschland setzt auf Kohleenergie, selbst in Deutschland steigen die Emissionen wieder (seit 2011 um 22 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente), selbst Deutschland wird seine – zugegebenermaßen ehrgeizigen – Reduktionsziele kaum erreichen, was Bundesumweltministerin Hendricks Anfang Juni 2014 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk indirekt einräumte. Hinzu kommt die Verletzung weiterer planetarischer Grenzen: der Verlust an Artenvielfalt ist unumkehrbar, und das Gleichgewicht des Stick stoffkreislaufes ist unwiederbringlich zerstört.

Das ganze Haus umbauen

Foto: Stefan Aumann
Foto: Stefan Aumann

Vor diesem Hintergrund müssen wir uns – und auch das wissen wir seit langem – von Produktions- und Konsumweisen verabschieden, die auf fossile Energieträger und beständiges Wirtschaftswachstum setzen. Erforderlich ist nichts weniger als ein radikaler Umbau in Wirtschaft und Gesellschaft. So wie die explosionsartige Ausweitung der Nutzung fossiler Energieträger seit dem späten 18. Jahrhundert mit neuen Technologien und Wirtschaftsweisen auch zugleich soziale, politische und kulturelle Systeme änderte, so wird die Verabschiedung des fossilen Zeitalters tief greifende politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Dimensionen haben. Es geht nicht darum, unserem Wachstumshaus nachhaltige Anbauten anzufügen, sondern es geht um den Umbau des ganzen Hauses. Und deshalb legte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) im Jahre 2011 den epochalen Bericht „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vor. Der Symbolbegriff Große Transformation verweist auf die Notwendigkeit eines umfassenden Umbaues unserer Wirtschafts- und Lebensweisen hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft. Für diese Große Transformation zur Nachhaltigkeit gibt es keine Blaupause. Wege zu ihrer Gestaltung können nur in ergebnisoffenen Suchprozessen gefunden werden. Wir werden experimentieren müssen. Wir werden Fehler machen müssen. Neues probieren. In Mali wird die Große Transformation ganz anders aussehen als in China, und in Deutschland noch einmal anders

Klaus Heidel ist Historiker, Mitbegründer und seither Mitarbeiter der Werkstatt Ökonomie e. V. in Heidelberg sowie Mitglied der Steuerungsgruppe für das EKD-Projekt „Diskurs Nachhaltige Entwicklung“ Foto: privat
Klaus Heidel ist Historiker, Mitbegründer und seither Mitarbeiter der Werkstatt Ökonomie e. V. in Heidelberg sowie Mitglied der Steuerungsgruppe für das EKD-Projekt „Diskurs Nachhaltige Entwicklung“ Foto: privat

Statt Panikmache: Ermutigung zum Guten Leben

Foto: Stefan Aumann
Foto: Stefan Aumann

Eine solche Herausforderung kann uns Angst machen. Doch es gibt keinen Grund zur Panikmache. Denn wir können die globale Erwärmung begrenzen, wir können umsteuern. Wir können uns zu einem Guten Leben ermutigen, das sich auf die Verheißung des Schalom gründet, auf die Einladung Gottes, unsere Beziehungen zu Gott, zu unseren Mitmenschen und zur ganzen Schöpfung auf Gerechtigkeit und Frieden zu gründen. Wir können uns auf Gottes Zusage verlassen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Genesis 8,22). Getragen von der Liebe Gottes, können wir nach neuen Perspektiven für unser Wirtschaften und für unseren Lebensstil suchen, die einer Ethik des Genug folgen. Wichtige Orte für solche Suchprozesse können Kirchengemeinden werden. Voraussetzung hierfür ist, dass sich kirchengemeindliche Akteure ihrer besonderen Möglichkeiten und Grenzen und damit ihrer spezifischen Gestaltungspotentiale bewusst sind: Der notwendige Umbau unserer Lebens- und Wirtschaftsweisen 

br aucht die un tersc hiedlichsten Akteure (vom Indiv iduum über den Staat bis hin zu den Vereinten Natio nen), di e a uf untersch iedlichen (lo kalen bis globale n) Handl ungs ebenen m it unterschiedlichen Handlung sformen (von individuell en Verh altensänd erungen über gesetzgeberisches Hand eln bis hin zu globalen Klimaverhandlungen) zur Gestaltung der Großen Tran sform ation be itrag en. Hierbei sin d Akte ure aufeinander a ngewi esen, kein Akteur kann für sic h allein die gewal tigen H eraus forde rungen bewältigen , und kein Akteur ist zu klein , um nicht zu r Gestaltung der Veränd erungen beitragen zu k önnen. Zu fr agen ist allerdings, auf welche Weise und in welchem Maße sich Akteure mit ihren je spezifischen Gestaltungspotentialen ergänzen können. Was also können kirchengemeindliche Akteure zur Gestaltung der Großen Transformation beitragen, ohne sich zu überfordern?

Kirchengemeinden als Lernorte der Ermutigung

Von jeher sind Kirchengemeinden Orte, an denen sich Christinnen und Christen zu einem Leben nach Gottes Ordnungen ermutigen. Sie sind Orte gelebten Glaubens, der sich auch in konkretem Tun ausdrückt – von der Diakonie über den Ausschank fair gehandelten Kaffees bis hin zum Erwerb des Grünen Gockel„-Zertifikates“. Hieran können wir anknüpfen, wenn wir fragen, was kirchengemeindliche Akteure zur Gestaltung des Wandels beitragen können. Unter anderem verfügen kirchengemeindliche Akteure über drei Gestaltungspotentiale, die für sie spezifisch sind:

• Christliche Spiritualität hilft, Verhalten und Strukturen an lebensdienlichen Werten auszurichten.

• Kirchengemeinden sind Lernorte für die Suche nach Möglichkeiten, Transformationsblockaden aufzulösen.

• Kirchengemeinden bieten geschützte Räume für Laborversuche alternativer (solidarischer und nachhaltiger) Praxis.

Transformative Spiritualität

Die Große Transformation ist auf einen „Wertewandel zur Nachhaltigkeit“ (WBGU) angewiesen. Hierbei können biblische Leitbilder wie „Leben in Fülle“ (Johannes 10,10) Orientierung bieten. Sie gründen sich auf nichtmaterielle Werte, die zum Kernbestand des christlichen Wertekanons gehören. Dennoch bleiben diese Werte für die Praxis (für das Leben) in Kirchengemeinden (von kirchlichen Gruppen und Gemeindegliedern) weithin eher nachrangig: Auch zwischen Gemeindegliedern wächst die Kluft zwischen arm und reich. Auch in Kirchengemeinden sind Konsummuster verbreitet, die nicht nachhaltig sind. Auch kirchengemeindliche Akteure schreck - en vor einer Mitwirkung an notwendigen Veränderungsprozessen zurück, wenn diese gewohnte Verhaltensweisen bedrohen. Angesichts dieser Situation hilft spirituelle Erneuerung, die eigene Praxis auf lebensdienliche Werte zu gründen. Denn es sind nicht moralische Zumutungen, die zu neuen Aufbrüchen ermutigen, sondern Begegnungen mit dem lebendigen Gott. Zwar verfügen Menschen (und kirchengemeindliche Akteure) nicht über solche Begegnungen, sie können aber fragen, wie sie gemeinsam offen für solche Begegnungen und den guten Geist Gottes werden.Zu dieser spirituellen Erneuerung gehört auch das (Wieder-) Entdecken von Formen einer Schöpfungsspiritualität, die die Schönheit der Schöpfung auch im Alltag staunend, achtsam, dankbar und Gott lobend wahrnimmt. Eine solche Spiritualität lässt materielle Werte nachrangig werden und ist zugleich missionarisch: „Missionarische Spiritualität ist immer verwandelnd [transformativ]. Sie leistet Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Werte und Systeme, wo immer sie in unserer Wirtschaft, unserer Politik und selbst in unseren Kirchen am Werk sind, und versucht, diese zu verwandeln“ (Ökumenischer Rat der Kirchen 2012: Gemeinsam für das Leben: Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten). Auf diese Weise trägt spirituelle Erneuerung nicht nur zu einem Wertewandel kirchengemeindlicher Akteure bei, sondern wirbt zugleich in spezifisch kirchlicher Weise für einen solchen Wertewandel in der Gesellschaft.

Transformationsblockaden bearbeiten

Das Wissen um die Notwendigkeit eines umfassenden Umbaus unserer Wirtschaft und unserer Lebensstiles hin zur Nachhaltigkeit ist weit verbreitet. Doch der Transfer von Wissen zu Verhalten gelingt nicht (ausreichend), kognitiv-emotionale Transformationsblockaden werden nicht überwunden. Eine Intensivierung von Bildungsarbeit (im Sinne von bloßer Wissensvermittlung) und von moralischen Appellen hilft diesem Dilemma in der Regel nicht ab, ermutigend ist vielmehr eine gemeinschaftliche Bearbeitung von Transformationsblockaden, bei der es nicht um moralische Bewertungen oder gar Zumutungen gehen darf, sondern um nüchterne Analysen und die gemeinsame Suche nach Möglichkeiten, eingefahrene Wege zu verlassenund neue Schritte auszuprobieren. Hierbei ist es nötig, den Zusammenhang von individuellen und strukturellen Blockaden für eine Veränderung zu sehen – wird diese Verknüpfung nicht gesehen, ist individuelle Überforderung unvermeidbar (Berufspendler können nicht auf ein Auto verzichten, wenn sie weder mit Bus und Bahn oder in Fahrgemeinschaften zum Arbeitsplatz kommen; mein altes Haus kann ich energetisch nicht sanieren, wenn mir hierzu jede finanziellen Mittel fehlen …).

• Für ein solches gemeinsames Veränderungslernen sind Kirchengemeinden besonders geeignete Orte: Wer sein Verhalten ändern will, braucht die solidarische Gemeinschaft, denn sonst ist die Gefahr einer Überforderung groß: Es geht um gemeinsames, solidarisches und praxisbezogenes Lernen, nicht um die Überforderung mit moralischen Appellen. Kirchengemeinden können solidarische Lernorte für „Laborversuche“ sein.

• Kirchengemeinden sind Orte, an denen stets individuelle, gemeinschaftliche und außergemeindliche strukturelle Dimensionen im Interesse einer Veränderung von Praxis verknüpft werden können („Wie müssen wir uns als Kirchengemeinde oder Gruppe so organisieren, dass die alleinerziehende Mutter ökofair einkaufen kann?").

• In Kirchengemeinden können Pilotgruppen experimentierfreudig mit der Bearbeitung von Transformationsblockaden beginnen, Erfahrungensammeln und diese in der Gemeinde weitergeben.

Foto: © Werner Otto/OKAPIA
Foto: © Werner Otto/OKAPIA

Laborversuche alternativer Praxis

Die Große Transformation braucht Pioniere (so der WBGU) oder Vorreiter des Wandels, die Wege hin zu sozial gerechten, nachhaltigen und klimagerechten Lebens- und Wirtschaftsweisen suchen und erproben. Solche Vorreiter des Wandels („change agents“) zeigen, dass eine alternative Praxis zu bestehenden Konsumund Produktionsmustern möglich ist. Mit ihrem Vorbildcharakter werben sie für Veränderungen von Verhalten und Strukturen. Schritte hin zu einer alternativen Praxis erproben Vorreiter des Wandels in Laborversuchen, für die Kirchengemeinden geeignete Orte, eine spirituelle Erneuerung eine wichtige Grundlage und die Bearbeitung von Transformationsblockaden ein wichtiger Ansatzpunkt sind. Ein entscheidendes Kernelement alternativer Praxis ist solidarisches Handeln auf der Grundlage einer „Ethik des Genug“, die für Lebens- und Wirtschaftsweisen wirbt, die weder Armut noch ein Übermaß an Reichtum kennen. Dimensionen eines solchen solidarischen Handels sind zum Beispiel (Aufzählung unvollständig): • Teilen von Ressourcen (Geld, Zeit, Fähigkeiten ...), • Mitwirkung bei der Bereitstellung von Instrumenten für gemeinschaftliche nachhaltige, klima- und sozial gerechte Konsumweisen, zum Beispiel Schaffung von Organisationen und Strukturen einer Wirtschaft des Teilens („Share Economy“), Erarbeitung von Instrumenten für eine lokale ökofaire Beschaffung oder Institutionalisierung einer klimagerechten Energienutzung und • Mitwirkung beim Aufbau solidarischer lokaler Produktionsund Dienstleistungsstrukturen (Stärkung der lokalen Gemeinwesenökonomie, Mitwirkung beim Aufbau von Genossenschaften und Kreditvereinen, Mitwirkung in Initiativen „solidarische Landwirtschaft“...). Werden Kirchengemeinden auf diese Weise zu Orten einer Mitgestaltung der Großen Transformation, wird sie diese Ausrichtung zugleich selbst verändern: Die Suche nach dem Guten Leben wird so zu einem Gemeindeaufbauprogramm, das in die Gesellschaft wirkt: Nichts ermutigt so sehr zum Aufbruch, wie das gute Beispiel gelebter Alternativen ...

Editorial April 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

dass ich diese Zeilen schreiben kann und Sie sie lesen können, haben wir unserem Gehirn zu danken. Die Sprachkompetenz haben wir in unseren frühen Kinderjahren erworben, die Möglichkeit des Lesens und Schreibens spätestens in den ersten Schuljahren erlernt. Wunderbar ist das, wie überhaupt unser Gehirn ein ungeheuerliches Wunder ist. Was haben menschliche Gehirne alles erdacht: großartige Maschinen, wunderbare Bücher, kluge Reden, komplizierte Rätsel, tolle Bauwerke, faszinierende Bilder, weise Staatsordnungen, Witze, wissenschaftlichen Fortschritt, leckere Rezepte, Friedensverträge, und, und, und ... Was alles können wir selber erinnern, ausdenken, berechnen, bedenken, träumen, erforschen, fantasieren, analysieren, lernen – jeden Tag?! Und was alles steuert, regelt dieses Gehirn unentwegt, ohne dass wir auch ein bisschen davon merken würden: all unsere basalen Körperfunktionen, all unser Fühlen, Riechen, Sehen, Schme - cken, Hören und natürlich auch all unsere Bewegung?! Großartig ist es, unser Gehirn. Aber es kann auch anders: Es kann auch Kriegslist erdenken und Gaskammern konstruieren und Foltermethoden entwickeln und Manipulationsstrategien verfolgen. Es kann von Angst, Vorurteil, Hass oder Gleichgültigkeit bestimmt sein und (manchmal auch gleichzeitig) von Liebe, Leidenschaft, Empathie und Fürsorge. Und wie ist das mit dem Glauben, der manches Leben stark bestimmt und anderes rein gar nicht? Ist er am Ende auch nur eine erklär- und analysierbare Funktion unseres Gehirns, die bei der einen anschlägt und bei dem anderen nicht? Dieser interessanten Frage geht Chris - tina Aus der Au im Themenartikel unserer April-KiM nach, dessen Lektüre Ihnen hoffentlich Freude bereiten und neue Einsichten schenken wird! Die ganze KiM-Redaktion wünscht Ihnen heilvolle Momente in den noch verbleibenden Wochen der Passionszeit und ein gesegnetes Osterfest! Herzlich grüßt

  

Ihr

Christoph Seitz