Fronleichnamsprozession durch die Marburger Oberstadt (Foto: Privat)
Fronleichnamsprozession durch die Marburger Oberstadt (Foto: Privat)

Fronleichnam

Bemerkungen und Beobachtungen

 

Von Franz Langstein

 

Am 30. Mai 2013 begeht die katholische Kirche wieder ihr diesjähriges Fronleichnamsfest, das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, wie es richtig heißt. („Fronleichnam“ heißt übersetzt „Leib des Herrn“). Wie überall, so wird auch in Marburg mit großer Festlichkeit ein Gottesdienst auf dem Marktplatz gefeiert, und anschließend setzt sich eine farbenfrohe Prozession durch die Stadt in Bewegung.

Fronleichnam ist ein Fest, das einen enormen Reichtum auffährt, um die Sinne anzusprechen: Prozessionen, Blumenteppiche, Weihrauch, Fahnenabordnungen aller Verbände und Vereine, Blaskapellen, kostbare Monstranzen, mehrere randvoll geschmückte Altäre. Nirgendwo zeigt sich die katholische Sinnlichkeit und Freude so wie an Fronleichnam. Auch deshalb gilt Fronleichnam als das katholischste aller Feste.

Leider aber ist es genau diese Fronleichnamspracht, die darüber hinwegtäuscht, dass das Fest schon längst in eine tiefe Krise gestürzt ist. Mancherorts wirkt es grotesk, wenn prachtvolle Prozessionen mit dem Allerheiligsten durch die Straßen ziehen und die darum Herumstehenden verständnislos, gleichgültig oder spöttisch dreinschauen. Auf der anderen Seite ist das Fest gerade wegen seiner Üppigkeit zur touristischen Attraktion geworden, das einen festen Platz im Kulturplan einer Stadt hat. Freilich wissen die Touris und Schaulustigen nicht im Geringsten, worum es eigentlich geht. So ist das Fest mancherorts zum Selbstläufer geworden.

Aber ein Fest, bei dem der Inhalt verloren gegangen ist, steht in der Gefahr, hohl zu werden, nur noch getragen zu werden vom äußeren Glanz und so zur Folklore zu verkommen.

Um nun der Frage nachzugehen, was das Fronleichnamsfest bedeutet, ja ob es überhaupt noch eine Bedeutung haben kann, müssen wir in die Entstehungsgeschichte blicken.

 

Entstehung des Fronleichnamfestes

Der unmittelbare Anlass des Festes ist eine Vision der Juliana von Lüttich (1193-1258). In ihrer Vision sah sie immer wieder den Mond, auf ihm dunkle oder weggebrochene Stellen. Sie konnte sich das nicht erklären. Christus selbst soll ihr dann erklärt haben, dass die dunkle Stelle des Mondes ein fehlendes Fest der Kirche sei. Gemeint ist das, was Jesus wenige Stunden vor seinem Leiden und Sterben den Jüngern im Abendmahlsaal hinterlassen hat. Da nahm er während des Mahles Brot, brach das Brot und sagte seinen Jüngern: „Nehmt und esst, das ist mein Leib“. Ebenso nahm er den Wein und sagte: „Nehmt und trinkt, das ist mein Blut, das für euch und alle vergossen wird.“ Und er fügte an: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Jesus hinterlässt also im gemeinsamen Mahl seine bleibende Gegenwart in den Zeichen von Brot und Wein und schafft so eine über alle Zeiten hinweg bestehende Gemeinschaft mit den Menschen und unter den Menschen. Wir Katholiken benutzen für diese Gemeinschaft das aus dem Lateinischen kommende Wort „Kommunion“.

Juliane von Lüttich war nun aufgrund ihrer Visionen davon überzeugt, dass ein Fest fehle, das das Abendmahlgeschehen würdigt. Das ist verwunderlich! Denn ein Fest, das dem Gedächtnis des Abendmahles gewidmet war, gab es schon längst: Den Gründonnerstag. Dieses Fest nahm eben das ganze Geschehen in den Blick, also Ereignis des Mahles als Zeichen der Gemeinschaft. Jesus hatte ja immer wieder auf symbolische Mahlgemeinschaft Wert gelegt und kurz vor seinem Tod gesagt: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22,15). Wie gesagt - der Gründonnerstag nimmt das ganze Geschehen in den Blick. Aber im Mittelalter vollzog sich ein Wandel und Juliane von Lüttich war hier ganz „Kind ihrer Zeit“. Welcher Wandel war das?

Es ging um die allmähliche Ablösung des platonischen Weltbildes der Antike und des Frühmittelalters durch das aristotelische Weltbild im Hochmittelalter. Plötzlich kam die Frage nach dem Brot als solchem auf. Das Interesse an dem Brot als solchem war unter dem platonischen Weltbild der Antike nicht nötig. Denn in der Antike war das Symbol ohnehin nur ein Schatten einer größeren Wirklichkeit, also das Abendmahl mit den Gaben von Brot und Wein ohnehin immer schon Abglanz der höheren und eigentlichen Wirklichkeit, die Christus ist. Man kam gar nicht auf den Gedanken, sich zu fragen, was denn die Wirklichkeit des Brotes als solches ist. Erst mit dem Aufkommen der aristotelischen Philosophie wandte man sich den Dingen als solche zu. Plötzlich bekamen die Dinge an sich eine reale Bedeutung. Und nun hatte man ein Problem: Ist das Brot an sich nun ganz real Leib Christi? Unter dem geänderten Symbolverständnis führte das zu einem heftigen Streit mit den beiden Extremen: Das Brot ist nur Symbol, Zeichen, der Gegenwart Christi, aber nicht selbst Leib Christi. Und auf der anderen Seite: Das Brot ist nicht mehr Brot, sondern wirklicher Leib, wirklich Jesus, der vom Priester gebrochen wird und von den Gläubigen gekaut wird. In diesem Streit musste man also eine neue Begrifflichkeit finden, die Folgendem Rechnung tragen musste: Einmal musste man natürlich betonen, dass das Brot auch nach der Wandlung auf der materiellen Ebene Brot bleibt, und man musste doch betonen, dass das Brot Träger einer neuen Wirklichkeit ist, nämlich der Wirklichkeit der Gegenwart Christi. Und da fand man den Begriff der Transsubstantiation: Wesensverwandlung. Also das Brot bleibt Brot auf der materiellen Ebene, aber dem Wesen nach ist es der Ort der leibhaftigen Gegenwart Christi. Aber genau damit veränderte sich etwas im Abendmahlverständnis: War bisher das ganze Geschehen, also das Mahl bedeutsam, so lenkte sich nun der Blick weg vom Geschehen nur noch auf die Gaben Brot und Wein. Nun erfuhr man nicht mehr Gemeinschaft mit Christus im heiligen Mahl, sondern man wollte das Brot schauen, das wesentlich Leib Christi ist. Es entstanden jetzt ganz neue Frömmigkeitsformen: Bei der Feier des Abendmahles wurde die Hostie erhoben, damit sie alle sehen können; man richtete die Gottesdienstzeiten so ein, dass man jeweils zeitversetzt von einer Kirche zu anderen gehen konnte, um rechtzeitig die erhobene Hostie zu sehen. Es entstanden kostbare Monstranzen. Anbetungsgemeinschaften gründeten sich. Das Mahl war bedeutungslos geworden. Das Schauen wurde wichtiger. Deshalb vermisste Juliane von Lüttich ein Fest, nämlich das Fest der Verehrung des Leibes und Blutes Christi. Der Gründonnerstag war da doch anders geprägt. Er geht von einem Ereignis aus, dem gemeinsamen Mahl.

Fronleichnamsgottesdienst auf dem Marburg Marktplatz (Foto: Privat)
Fronleichnamsgottesdienst auf dem Marburg Marktplatz (Foto: Privat)

Die Einführung des Festes stieß bei Bischöfen und Päpsten auf Ablehnung. Nachdem es hier und dort auf lokaler Ebene eingeführt wurde, breitete es sich dann immer weiter aus. Man kann aber sagen, dass das Fest Mitte des 14. Jahrhunderts überall eingeführt war. Anfangs war es noch ohne Prozession, später kam die Prozession hinzu. Einmal diente die Prozession ganz im Sinne des Schauens der Hostie der Verehrung des Leibes Christi, andererseits aber auch dem Segen: Wohin die Monstranz kam, in der der Leib Christi verehrt wurde, hinterließ sie Segen. Deshalb kam es bald zu den vier Stationsaltären, gemäß den vier Himmelsrichtungen.

Einen Bruch gab es durch die Reformation. In den Städten, die reformatorisch wurden, kam das Fest ganz zum Erliegen. Dagegen wurde es in den katholischen Städten und Gegenden mit umso größerer Pracht gefeiert. In dieser Zeit nahm das Fest größte Ausmaße der Prachtentfaltung an. Es wurde zur Demonstration der Rechtgläubigen gegen die „Irrgläubigen“, es wurde zum katholischsten aller Feste. So wurde das Fest aber auch zur Demonstration der Stärke der Kirche gegen alle späteren Versuche, Kirche und Glauben zu bekämpfen. Weder das Dritte Reich noch die DDR-Diktatur schafften es, die Fronleichnamsprozessionen abzuschaffen.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erfuhr das Fest eine Vereinfachung. Die Abendmahlfeier wurde aufgewertet, die Prozession sollte kleiner und schlichter sein.

 

Aspekte für das heutige Verständnis

Wenn wir diesen geschichtlichen Überblick uns vor Augen halten, können wir das Fronleichnamsfest jetzt inhaltlich besser erfassen. Einige Punkte will ich hier benennen:

  • Das Fest ist einer Frömmigkeit geschuldet, die hauptsächlich Wert darauf legte, das Brot zu schauen. Heute haben wir diese Frömmigkeit überwunden. Wir sind zurückgekehrt zur Feier des Mahles, indem wir "Leib und Blut Christi" zu uns nehmen, also essen und trinken. Im Vordergrund des Festes steht deshalb das Abendmahl als Zeichen der Gemeinschaft mit Gott.
  • Diese Gemeinschaft hat Gott selbst geschenkt. Und hier kommt die unerhörte Botschaft des Christentums voll zum Tragen: Diese Gemeinschaft ist unverbrüchlich, weil Gott selbst Mensch geworden ist, also sich selbst ganz und gar in Jesus mit dem Menschen verbunden hat. Leben und Tod Jesu sind Zeugnis dieser Gemeinschaft. Leben und Tod Jesu bleiben präsent in den Gaben von Brot und Wein, „Leib (= Leben) und Blut (= Tod) Christi“. Die Gaben von Brot und Wein sind als Bundeszeichen kostbar. Deshalb schließen sich Prozessionen an das Abendmahl an. Dieses Kostbare soll öffentlich gezeigt werden. Aber genau an dem Punkt kann das Fronleichnamsfest in eine Schieflage geraten: Der öffentliche Raum ist nicht mehr religiös, sondern säkular. Hier ist die Gefahr am größten, dass Fronleichnam nur noch auf Unverständnis stößt oder touristischer Folklore dient.
  • Jesus hat immer wieder im Mahl Gemeinschaft mit den Menschen gesucht. Inhaltlich also weitet das Fest sich über die eigenen Konfessionsgrenzen aus. Es muss deutlich werden, dass auch heute Gott Gemeinschaft mit den Menschen sucht. Mancherorts gelingt es sehr gut, im Anschluss an die religiöse Feier Menschen, besonders Arme, Ausgegrenzte und Einsame, zum gemeinsamen Mahl einzuladen. Auch das sollte ein Bestandteil des Fronleichnamsfestes sein.
  • Neben diesen Inhalten spielen noch folgende Aspekte eine nicht unwesentliche Rolle: Es geht um das öffentliche Bekenntnis zu dem, woraus wir Christen leben. Ferner geht es gerade im Unterwegssein der Prozession darum, dass deutlich wird: Gott geht mit uns auf unseren Lebenswegen. Und es geht darum zu zeigen, dass Gott auch heute in schlichten einfachen Gesten wie z.B. im gemeinsamen Mahl - unter uns ist.

Natürlich frage ich mich am Ende dieses Artikels, ob es uns gelingt, diese Aspekte wirklich deutlich rüber zu bringen. Wie sieht es aus mit der Verständlichkeit unserer Texte, Gesten, Symbole? Die Frage ist umso dringender, da Fronleichnam im öffentlichen säkularen Raum stattfindet.

 

Franz Langstein ist Dechant und Pfarrer an der katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Evangelist (Kugelkirche)

Editorial Oktober 2018

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

erinnern Sie sich noch an das Lied „Kinder an die Macht“? Im Refrain heißt es dort: „Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende, wir werden in Grund und Boden gelacht: Kinder an die Macht.“ Natürlich meint der Dichter des Liedes, Herbert Grönemeyer, das nicht wirklich ernst. Es braucht ja schon eine Menge Erfahrung, eine gute Bildung und einen zugewandten, gereiften Charakter, um in unserer miteinander so eng verflochtenen Welt politisch hilfreich zu agieren. Wohin das Gegenteil führt, sieht man ja derzeit ganz gut an Staatenlenkern wie Donald Trump. Und trotzdem hat Herbert Grönemeyer auch recht. Wir alle können von Kindern viel lernen, vor allem von kleineren Kindern. Es fasziniert mich immer wieder, wie aufmerksam kleine Menschen durch die Welt gehen, was sie alles bemerken und neugierig in Augenschein nehmen. Sie sehen vieles, an dem wir Erwachsenen oft achtlos vorbei gehen: z.B. auch die kleinen, unscheinbaren Wunder der Schöpfung. Mich rührt an, wie echt die meisten kleinen Kinder sind mit ihren Gefühlen, mit Freude und Leid, mit Sympathie aber auch mit Ablehnung. Bei kleinen Kindern weiß man genau, woran man ist. Da gibt es noch keine Pokerfaces und kein kalkuliertes Gehabe. Ja, kleine Kinder sind oft so herrlich leidenschaftlich, phantasievoll, spontan, sensibel und zärtlich. Und sie können noch ganz ursprünglich und bedingungslos vertrauen, auch in Sachen Glauben, wie Ines Dietrich in unserem Themenartikel so anschaulich in Erfahrung gebracht hat. Natürlich müssen wir alle irgendwann erwachsen werden. Auch unser Glaube muss das. Aber es wäre schon schön, wenn wir uns auch als Erwachsene etwas Kindliches bewahren könnten, z. B. eine ordentliche Portion kindliches Gottvertrauen – besonders dann, wenn es ans Sterben geht. Viel Freunde beim Lesen dieser KiM wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz

 

P.S. Bitte gehen Sie am 28. Oktober zur Landtagswahl und geben Sie Ihre Stimme keiner Partei, die sich im Schüren von Angst und Fremdenhass längst aus der Nachfolge Jesu verabschiedet hat!