© Grafik: Calwer Verlag Stuttgart
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Parvis Rahbarnia

Taufe der (Un-)Mündigen?
Vom Segen in die Taufe!


Von Parvis Rahbarnia


Ein Tauffest Heute ist die Taufe von Marion. Marion ist zwei Monate alt und die ganze Familie ist zur Taufe gekommen. ,,In der Taufe wird das ´Ja Gottes` über Marion gesprochen. Sie ist ein Kind Gottes. Er will sie ihr ganzes Leben leiten und begleiten", so sagte der Pfarrer zu den Eltern bei den Vorgesprächen. Das ist Marions Eltern wichtig: Dass Marion von einer himmlischen Güte getragen wird, die ihr als Mensch Würde und ihrem Leben Sinn verleiht. Das Wichtigste im Leben kann kein Mensch von sich aus machen. Das macht Gott. Die Umstehenden spüren das, während sie den Pfarrer das Wasser über den Säugling träufeln sehen. ,,Das Wasser ist ein Symbol des Lebens. Es hat reinigende Wirkung. Es wäscht alles im Leben von Marion ab, was ihren Blick auf Gott verdunkeln könnte: Angst, Ärger, Enttäuschung". Bei der anschließenden Feier entwickeln sich zwischen den Angehörigen intensive Gespräche: Was ist wichtig im Leben? Geht es nach dem Tod weiter? Wie ist Gott und wie kann man mit Ihm leben? Einige möchten in Zukunft wieder öfter in einen Gottesdienst gehen.

 

Was ist Taufe?

Was genau geschieht in der Taufe? In der dogmatischen Kirchensprache formuliert ist sie ein Ritus, der geschieht zur Vergebung der Sünden. In der Taufe erfährt der Täufling Gottes Gnade. Er wird aus dem Bereich des Todes in den Bereich ewigen Lebens geführt - sichtbar für alle Umstehenden. Er ist mit Christus begraben und auferstanden durch den Glauben bzw. bestimmt für einen neuen Lebenswandel. Zugleich wird er eingegliedert in den Leib Christi, was kirchenrechtlich eine Kirchenmitgliedschaft bedeutet. Die Taufe wird auch verstanden als ein Zeichen der Buße, der Umkehr, des Umdenkens des Täuflings. Das Wasser begräbt dabei die alte sündige Existenz - der alte Adam wird ersäuft - und ,,gebiert" eine neue. Ein neues Leben beginnt, das den Täufling bestimmen soll. Poetisch ausgedrückt öffnet sich während der Taufe über dem Täufling der Himmel und macht den Blick frei auf Gott. Ein Leben in tiefem Frieden, mit neuen Perspektiven erwartet ihn als ein geliebtes Kind des himmlischen Vaters. In der Sprache der Seelsorge (mit einem Touch sozialpädagogischem Jargon) könnte man auch sagen: Gott spricht das ,,Ja" zum Menschen und der Mensch das ,,Ja" zu Gott (Ich bin ,,ok" - Du bist ,,ok"!). Diese dialogartige Spanne hat in 2000 Jahren Kirchengeschichte hitzige theologische Debatten hervorgebracht: Liegt der aktive Part beim Heilsgeschehen der Taufe eigentlich beim Menschen oder bei Gott? Aus unterschiedlichen Taufvorstellungen kirchlicher Traditionen, die darauf antworten, stelle ich hier zwei gegenüber.

 

Die Taufvorstellung Luthers

In der Taufvorstellung Martin Luthers (1483-1546) liegt der aktive Part jeglichen Heilshandelns, so auch bei der Taufe, eindeutig bei Gott. Diese Behauptung gründet in seiner Rechtfertigungslehre, die er aus dem Gesamtzeugnis der Schrift entwickelt hat. Gott rettet also zum einen durch den Vollzug der Taufe als eines aus sich wirkenden Sakramentes, zum zweiten durch den empfangenden Glauben, den Gott während oder besser vor der Taufe beim Täufling erweckt. Diese Sicht legitimiert daher auch die Kinder- und Säuglingstaufe, da so auch bei diesen die (für Luther) maßgebliche Reihenfolge ,,Eigenglaube-Taufe" bestehen bleibt. Zwar wurden Säuglinge auch zuvor getauft, allerdings mit der auf Augustinus zurückgehenden Begründung der Abwaschung der von Adam herkommenden Urschuld (Erbsünde). (Augustin sieht die Existenz dieser Erbsünde in Röm 5,12 belegt, übersieht jedoch dabei, dass dieser Vers auf die Verantwortlichkeit für das Sündigen bei allen bzw. jedem einzelnen Menschen hinweist. Nur ein mündiger Mensch kann Sünden begehen, für diese haftbar gemacht werden und das Angebot der Taufe in Anspruch nehmen!) Der Glaube der Taufpaten bzw. Eltern eines Kindes spielt nach Luther nur insofern eine Rolle, als dass er diese dazu veranlasst, das Kind zur Taufe zu tragen - im Gebet und im wörtlichen Sinne.

 

Umstrittene Bibelstellen

Gelegentlich wird exegetisch versucht, die Taufe unmündiger kleiner Kinder mit Hilfe bestimmter biblischer Texte zu belegen. So wird auf Apg 16 und 18 verwiesen, wo Lydia bzw. der Synagogenvorsteher Krispus sich samt ihren ganzen Häusern taufen lassen. In 1. Kor 1,16 schreibt Paulus sogar, dass er selbst Stephanas und sein Haus getauft habe. Es wird dann argumentiert, dass zu einem Hause damals ja auch Sklaven und Kinder gehörten, diese also gleich mitgetauft wurden. Dieser Tauf-Automatismus ist jedoch nicht zwangsläufig gegeben. Z. B. wird im Philemonbrief deutlich, dass zwar Philemon Christ war, sein Sklave Onesimus aber nicht. Und wie könnten Neugeborene wohl bereitgestellt sein für den ,,Dienst für die Heiligen", wie es Paulus von den Getauften im Hause des Stephanas behauptet? (1. Kor 16,15). Weder bei Lydia und Krispus noch bei Stephanas ist beim Taufgeschehen von unmündigen Kindern explizit die Rede. Die Apostelgeschichte spricht hingegen an vielen anderen Stellen (z. B. Apg 2,37-42) von einer klaren Reihenfolge: Verkündigung Zum-Glauben-Kommen (Buße) - Taufe. Die Argumente e silentio sind also nicht überzeugend. Wird hier eine Tradition der Säuglingstaufe in neutestamentliche Berichte zurückprojiziert?

 

Die baptistische Taufvorstellung

Das Gesamtzeugnis der Schrift und die Tauf-Praxis in den ersten Jahrhunderten n. Chr. sprechen jedenfalls überwiegend für die Taufe Mündiger. Baptisten z. B. fühlen sich in der kritischen Betrachtung der Taufe Unmündiger daher durch die Schrift getragen und erheben auch ihr Veto. Sie betonen, dass der Grad des Bewusstseins des Täuflings bei der Taufe entscheidend ist. Sie sehen den aktiven Part eher auf Seiten des Menschen, der in der Taufe mit einem bewussten ,,Ja" dem ,,Ja Gottes" antwortet, das zuvor in der Verkündigung der menschlichen Antwort vorausgegangen ist. Diese ruft der Täufling vor allen Anwesenden und voller Freude am liebsten in die ganze Welt hinaus. Der Mensch übergibt willentlich und bewusst sein Leben in die Hände Gottes, seines himmlischen Vaters. Die Taufe Unmündiger erachten Baptisten daher als sinnlos. Übrigens: Der Name Baptismus leitet sich von dem griechischen Wort ,,baptitzein" ab, was ,,ein- oder untertauchen" bedeutet und auf die neutestamentliche Taufpraxis anspielt. Und es wäre wohl ein bisschen ruppig und hätte wenig Stil, wenn man einen Säugling plötzlich Hals über Kopf unter Wasser drücken würde - ungeachtet der Tatsache, dass dieser einen schützenden Tauchreflex besitzt.

Foto: Christoph Seitz
Foto: Christoph Seitz

Leistungsdenken

Aber auch das baptistische Taufverständnis hat seine Tücken: Ab wann hat ein Mensch denn genug verstanden von Gott, seinem Angebot und sich selbst, dass er den Schritt der Taufe guten Gewissens gehen kann? Wie viel an Wissen, Verständnis und Mündigkeit ist Minimum? Wann ist der rechte Zeitpunkt für die Taufe? Die Gefahr von Leistungsdenken - es müsse zuvor ein gewisses Pensum an Glauben erworben sein - lauert hier vor der Tür. Und behaupten einst mündig getaufte Menschen im höheren Alter nicht auch hin und wieder, dass sie damals eigentlich noch nicht bereit waren für die Taufe, nun aber der rechte Zeitpunkt dafür gekommen sei? Eingedenk dieser Tatsache gibt es seelsorgerliche Vorgespräche, die den Täufling auf die Taufe vorbereiten wollen. Die Konzentration auf das Wesentliche des christlichen Glaubens und die Freude des Taufaktes stehen dabei im Vordergrund. Solche Vorgespräche bergen jedoch auch Gefahren: zum einen, die Echtheit und Qualität des Glaubens am Gebrauch einer bestimmten, (auswendig) gelernten, formelhaften Sprache festzumachen; zum anderen, die Frage nach einem ausreichenden Glauben (ungewollt) vom Täufling wegzuverlagern auf Außenstehende, die dessen Glauben nicht als angemessen oder ausreichend beurteilen können oder dürfen. Der gut gemeinte Sinn der Vorgespräche, den Taufanwärter vor einem möglichen Teufelskreis endlos quälender Selbstprüfungen zu schützen, würde dadurch konterkariert, da nun Außenstehende am inquisitorischen Prüfrad drehen. Die Freude an der Taufe könnte so zerstört werden, wenn diese dann überhaupt noch angestrebt wird.

 

Der menschliche Aspekt

Beide dargestellten Taufverständnisse sind verkürzt, da sie bestimmte menschliche Komponenten nicht konsequent genug in Rechnung stellen: Dass christliche Existenz sich immer wieder neu ereignet im Dialog und in handelnder Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch; und dass das menschliche Leben dynamisch ist, sich verändert und entwickelt. Es ist daher unangemessen und quasi unmenschlich, wollte man erwarten, mit dem Taufakt sei alles am Menschen getan oder dieser hätte alles getan, was das christliche Leben ausmacht; als ob der Mensch im Moment der Taufe zum fertigen Christen umprogrammiert sei und sich fortan stets seiner christlichen Existenz gemäß und gleichförmig verhalten und aus ihr nicht mehr herausfallen könne. Ich erinnere hier an Luthers ,,Biest", ,,der alte Adam, der schwimmen kann". Realistischerweise lässt sich das Fortschreiten des Menschen auf dem Glaubensweg als permanent und prozesshaft beschreiben. Der Mensch be- und ergreift Gottes Heilshandeln nach und nach. Natürlich rate ich nun nicht, dass jemand sich jedes Mal mit dem Erreichen eines neuen ,,Entwicklungsstandes" neu taufen lässt. Wie aber lässt sich dieses Tauf-Dilemma lösen?

 

Aussicht

Die Taufe markiert einen sichtbaren Durchgangspunkt auf dem Glaubensweg. Wäre es also nicht sinnvoller, die Taufe zu einem Zeitpunkt anzugehen, an dem der Täufling mit einem gewissen Grad an Bewusstsein, Einverständnis und Dankbarkeit an diesem Heilshandeln partizipieren kann - durchaus eingedenk der eigenen begrenzten Erkenntnisfähigkeit als Empfangender und Dankender, in gespannter Erwartung, wie sein Leben mit Gott weitergeht?

Und wäre es nicht angemessener, dem Zuspruch Gottes über das Leben eines Kindes innerhalb einer Segnungszeremonie Raum zu geben? Dann müsste man natürlich die Konzepte von Konfirmation und Firmung neu überdenken, die den mit der Taufe begonnenen Prozess der Initiation übrigens auch nur zu einem vorläufigen Abschluss bringen wollen. Vielleicht könnte man diese Konzepte ja ,,aufteilen" in einen der Taufe vorgehenden Katechumenat und in eine ihr nachfolgende Vertiefung des Verständnisses von Glauben und Taufe. Wichtig dabei: Gerade auch das vorhergehende Katechumenat soll eben kein religiöser Spießrutenlauf sein, den man bibbernd zu durchstehen hat, sondern eher eine Möglichkeit, sich ausrüsten und bestärken zu lassen auf dem Lebensweg mit Gott - vom Segen in die Taufe und weiter!

 

Parvis Rahbarnia ist verheiratet und hat zwei Kinder: Studium der Theologie in Berlin und Elstal; Ausbildung zum Krankenpflegehelfer in Berlin; seit 2010 Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Marburg (Baptisten); beratendes Mitglied im KiM-Redaktionskreis; seit 2012 Weiterbildung zum Musiktherapeuten in Siegen.

Editorial Oktober 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

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Ihr

Christoph Seitz