Angst vor dem Fremden

Über die gesellschaftliche Funktion von Vorurteilen

Von Professor Wolfgang Benz

Versteht man Vorurteile als Zuschreibung von Eigenschaften, die unsere Wahrnehmung und unser Verständnis von Individuen, Personengruppen, Ethnien, Nationen bestimmen — als „geschäftstüchtige Juden“, „diebische Zigeuner“, „eroberungssüchtige Muslime“, „unzuverlässige Levantiner“, „ kriminelle Albaner“ usw. — so ist es notwendig, sie zu hinterfragen, um Funktion und Wirkung der Ressentimen ts zu verstehen. Bausteine des Vorurteils sind Stereotype, die geläufige Vorstellungen von Personen, Kollektiven, oder auch Sachverhalten und Dingen fixieren. Stereotype, zu Formeln erstarrte Beschreibungen, besser: Zuschreibungen, erlauben rasche und nicht reflektierte Einordnung und Erklärung, sie sind in der Regel langzeitig tradiert. Das Stereotyp entzieht sich analytischem Zugriff, denn es tritt an seine Stelle, wird nicht hinterfragt und braucht keine Begründung. Der Angehörige einer bestimmten Ethnie ist deshalb durch stereotype Klischees ein für alle Mal als listig oder verschlagen, als faul oder berechnend charakterisiert. Natürlich gibt es auch positive stereotype Bilder wie z. B. die „schöne Jüdin“ oder den „edlen Magyaren“. Funktion und Wirkung von Vorurteilen sind allerdings unabhängig von der positiven oder negativen Belegung. Eindeutig überwiegen die pejorativen, d. h. herabsetzenden Stereotype in der gesellschaftlichen Realität, dementsprechend sind Vorurteile in der Regel an unangene hmen Eigenschaften verankert und entfalt en vor allem negative Wirkung.

Vom Vorurteil zu Aggression

Vorurteile spielen im privaten Alltag wie im öffentlichen Leben die Rolle von Katalysatoren für individuelle und kollektive Ängste, Frustrationen und Aggressionen. Vorurteile verdichten sich zu Feindbildern, die als Bestandteile politischer Ideologien instrumentalisiert werden. Das negative Fremdbild steht am Anfang der agierten Feindseligkeit, die als individuelles fremdenfeindliches Delikt, als gemeinsamer Angriff gegen stigmatisierte Minderheiten, als kollektive Raserei gegen Fremde bis hin zum organisierten und geplanten Völkermord zum Ausdruck kommt.

Vorurteile in Geschichte und Gegenwart

Diese Funktionen und Wirkungen können an historischen und aktuellen Beispielen verdeutlicht werden. Fremdenfeindliche Konstrukte aus tradierten Vorurteilen und instrumentalisierten Feindbildern gehörten beim deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 zur Ausrüstung und im Kalten Krieg nach 1945 dienten sie als Waffenarsenal, sie bildeten auch einen wesentlichen Teil der Motivation bei der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und benachbarten Siedlungsräumen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Alte und neue antisemitische Stereotype, die die Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen vorbereiteten und ermöglichten – die semantische Grundlegung des Völkermords an den europäischen Juden erfolgte durch Begriffsbildungen wie „Judenfrage“ und „Endlösung“ -, gehören ebenso zum Aufgabenfeld der Vorurteilsforschung wie literarische Traditionen und Denkstrukturen der Verweigerung gegenüber Angehörigen fremder Kulturen wie z. B. Muslimen, Afrikanern, Roma. Der Vorbehalt trifft ohne Differenzierung Gruppen wie Asylbewerber oder „Wirtschaftsflüchtlinge“ und auch Arbeitsmigranten.

Professor Wolfgang Benz

Professor Wolfgang Benz ist Historiker mit den Arbeitsschwerpunkten Vorurteils- und Antisemitismusforschung. Bis 2011 leitete er das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Nationalsozialismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus.

Foto: privat

Von einfachen Welterklärungen zur Gewalt

Ressentiments sind gefährlich, weil sie als Vorurteil beginnen mit der Tendenz, im Hass gegen stigmatisierte Individuen, gegen Gruppen, ethnische, religiöse oder nationale Gemeinschaften zu kulminieren, in Hass, der sich durch Gewalt entlädt. Ressentiments schaffen der Mehrheit, die sie lebt und agiert, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Überlegenheit auf Kosten von Minderheiten, die definiert, diskriminiert, ausgegrenzt werden. Die Ausgrenzung stiftet Gemeinschaftsgefühl und bietet außerdem schlichte Welterklärung in einem System von Gut und Böse, in dem beliebige Minderheiten – z. B. Juden, Migranten, Muslime, „Zigeuner“, Ausländer schlechthin – für Missstände, Bedrohungen (und Bedrohungsängste), Mangel, Fehlentwick - lungen verantwortlich gemacht sind.

Der moderne Antisemitismus

Die Ausgrenzung von Minderheiten erfolgt durch Vorurteile und über Feindbilder. Im 19. Jahrhundert entstand der „moderne Antisemitismus“ als Ideologie in Traktaten und Schriften, in denen stereotyp argumentiert wurde, dass Juden Fremde seien, deren Ansprüche auf Herrschaft und Dominanz man abwehren müsse. Wilhelm Marr, einer der Begründer des Rassenantisemitismus, argumentierte: „Ein Volk von geborenen Kaufleuten unter uns, die Juden, hat eine Aristokratie, die des Geldes, geschaffen, welche alles zermalmt von oben her, aber zugleich auch eine kaufmännische Pöbelherrschaft, welche durch Schacher und Wucher von unten herauf die Gesellschaft zerfrisst und zersetzt. Zwischen der semitischen Oligarchie und der dito Ochlokratie [Pöbelherrschaft] wird die Gesellschaft zerrieben wie Korn zwischen zwei Mühlsteinen.“ Das war um das Jahr 1880.

Neues Feindbild Islam

In unseren Tagen behauptet ein Feind des Islam, der von Interessenten als Experte gesehen wird, der Publizist Hans-Peter Raddatz: „Ein Christ missbraucht seine Religion, wenn er Gewalt anwendet, und ein Muslim missbraucht seine Religion ebenso, wenn er Gewalt nicht anwendet.“ Er unterstellt damit, Muslime seien durch Gebote ihrer Religion zu Bösem verpflichtet. Solcher Koranhetze ganz ähnlich trieben einst die Propagandisten des Antisemitismus Talmudhetze. Die als negativ empfundene Eigenart der „Anderen“, kulturell, ethnisch, religiös oder wie auch immer definiert, dient der Hebung des eigenen Selbstbewusstseins und fixiert es durch die Gewissheit, dass die Anderen nicht integrationsfähig oder assimilationsbereit oder von ihrer Konstitution her kriminell, asozial und aggressiv sind bis hin zu Verschwörungsphan - tasien, nach denen eine Minderheit Dominanz über die Mehrheit erstrebe. In der Geschichte der Judenfeindschaft ist die stereotype Vermutung seit Jahrhunderten verbreitet und wird immer wieder reproduziert, nach der „die Juden“ zu viel Einfluss in der Finanzwelt oder in der Kultur oder in den Medien oder sonst wo, wahrscheinlich sogar in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft hätten und dass sie diesen Einfluss zum Schaden der Mehrheit, aber zum eigenen Nutzen, unablässig ausübten. Diese in der Mehrheit je nach Bildungsgrad, politischer Position, Herkunft und Sozialisation oder von anderen Faktoren bestimmte Vermutung bestätigt sich immer wieder in den Ergebnissen von Meinungsumfragen und gehört zum Grundbestand antisemitischer Einstellungen.

„Zigeuner“ – die exotischen Feinde

Sinti und Roma sind Objekte anderer Vorurteile, nach denen sie z.B. den Eigentumsbegriff der Mehrheit nicht teilen würden, sexuell zügellos seien, aus angeborenem Freiheitsdurst nicht sesshaft zu machen seien, als Konfliktlösung nur Gewalt akzeptierten und nicht an die Lebensformen der Mehrheitsgesellschaft zu gewöhnen seien. Die ausgrenzenden Vorurteile konstellieren die Lebenswelt der davon Betroffenen. So wird „Zigeunern“ nachgesagt, sie lehnten bürgerliche Wohnformen ab, weil sie lieber nomadisieren würden, tatsächlich steht am Anfang aber die Verweigerung der Wohnung, die Sinti und Roma zur Nichtsesshaftigkeit zwingt. Das gilt dann wiederum als konstitutives Merkmal der Gruppe und wird ihr als wesenseigen vorgehalten. In der Literatur werden die Roma als kindhaftes Volk gezeichnet, das die Errungenschaften moderner Zivilisation nicht begreift und deshalb hartnäckig ablehnt. Die „Zigeuner“, so die öffentliche Meinung der Mehrheit, verweigern sich gegen die Gesellschaft, in der sie leben, und machen sich dadurch einerseits schuldig, andererseits sind sie dadurch auf exotische Weise attraktiv. Die Skala reicht von der lockenden und lasziven jungen bis zur hexenartigen wahrsagenden alten „Zigeunerin“. Die Bilder vom kindlich unbeschwerten Naturvolk, von den dem Augenblick hingegebenen Naiven, die in einer Gegenwelt zum Fortschritt und zur Zivilisation glücklich leben, finden wir als Klischee formuliert in der Literatur und immer wieder neu belebt in den Medien unseres Alltags. Die Metaphern, die Naturhaftigkeit und Verachtung der Zivilisation bestätigen, sind willkommene Instrumente der Ausgrenzung: Das Vorurteil vom kindhaften Naturvolk rechtfertigt den Ausschluss aus der Gesellschaft der Mehrheit, rechtfertigt scheinbar Bevormundung, Abneigung und Verfolgung, weil die konstruierten Bilder von der Minderheit sich selbst bestätigende Kraft und Wirkung haben. Vorstellungen über die Welt der „Zigeuner“ sind längst in die Konsumwelt eingedrungen und bestimmen mit Attributen wie rassig, feurig, pikant das Bild der Minderheit. Neuerdings fürchten wir die Armutsimmigranten vom Balkan; wir subsumieren alle, die betteln oder öffentlich musizieren oder ungewünschte Dienste anbieten als „Zigeuner“ und lassen uns im Fernsehen, in der Illustrierten, im Radio und in der Zeitung ausmalen, wie schreck - lich sie sind, wie unintegrierbar, zivilisationsfeindlich und räuberisch, und wir kultivieren damit unsere Überfremdungs- und Verlustängste.

Foto: Uschi Dreiucker_ pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker_ pixelio.de

Die Opfer sind austauschbar

Vorurteilsforscher weisen dann wohl daraufhin, dass die gleichen Ressentiments ein paar Generationen vorher einer anderen Minderheit galten, aber die Austauschbarkeit von Vorurteilen darzustellen ist ähnlich schwer wie die Vermittlung der zentralen Erkenntnis, dass Ressentiments Konstrukte sind: Nicht die Eigenschaften einer Minderheit rufen den Zorn der Mehrheit hervor, nicht wegen ihres Benehmens, ihres Charakters, irgendwelcher Eigenschaften lehnen wir Juden oder Muslime, Sinti und Roma oder Türken und Tschetschenen ab, sondern wegen der Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben.

Gefährliche Selbstvergewisserungen

Die Stereotypen in der Wahrnehmung von Minderheiten dienen der Selbstvergewisserung der Mehrheit und der Fortdauer des prekären sozialen Status der jeweiligen Minorität. Sozialpsychologisch ist die Existenz von Vorurteilen und ihre Attraktivität leicht zu erklären, aber das darin gestaute Konfliktpotenzial ist erheblich und bedeutet für das Zusammenleben der Menschen in einer komplexen Gesellschaft eine latente Bedrohung. Historische und aktuelle Beispiele der Entladung von Konflikten durch gewaltsamen Protest, durch Bürgerkrieg, Pogrom, Massaker bis hin zum Völkermord wären in großer Zahl anzuführen, um zu beweisen, welchen sozialen Sprengstoff Vorurteile darstellen. Daher muss Aufklärung Vorurteile entkräften und Feindbilder zerstören. Das kann nur durch Argumente geschehen, die nachvollziehbar sind, die den Nebel der Mythen, in denen Ressentiments gedeihen, auflösen und der Vernunft den Weg frei machen. Verbote helfen so wenig wie Tabuisierung oder moralische Appelle.

Aufklärung: notwendig und mühsam

Was muss und was kann Forschung und Aufklärung gegen Vorurteile und Feindbilder leisten? Abscheu vor Judenfeindschaft, Verurteilung von Islamophobie und Antiziganismus und der gute Wille, die Ressentiments zu bekämpfen und aufzulösen, sind allein keine genügend taugliche Instrumente zur Behandlung des Übels. Notwendig ist vor allem die Vermittlung der Einsicht, dass es sich bei Vorurteilen nicht um den Reflex der Mehrheit auf Charaktereigenschaften, Bestrebungen, Handlungen der jeweiligen Minderheit handelt, sondern um die Konstruktion eines Feindbildes, das mit der Realität wenig oder nichts zu tun hat. Die Mehrheit hat bestimmte Interessen, Ängste und Wünsche, die auf „die Juden“ oder „die Muslime“ oder beliebige andere Gruppen projiziert werden und die ihren Sinn darin haben, das Gemeinschaftsgefühl der Mehrheit zu stärken durch Ausgrenzung der Minderheit. Die Angehörigen der Minderheit müssen dazu mit schlechten Eigenschaften ausgestattet werden. Als Beweis, dass ein Kollektiv insgesamt bestimmte negative Eigenschaften hat, genügt Demagogen und denen, die ihnen glauben, der Hinweis auf einen Vertreter, der als typisch in Anspruch genommen wird. Dass „alle Iren“ rote Haare haben ist ein Beispiel für die Wahrnehmung einer Gruppe, dass „die Bayern“ stets Lederhosen tragen, Watschentänze und ähnliches Brauchtum üben und am liebsten raufen, wenn sie Bier getrunken haben, ein anderes. Weit verbreitet und tief eingelassen in das Bewusstsein der Angehörigen der Mehrheit ist auch die behauptete Kriminalität „der Zigeuner“, die angeblich nicht assimilierbar sind und, wie neuerdings die Muslime, angeblich gefährliche Fremdkörper in unserer Gesellschaft bilden. „Die Franzosen“ oder „die Rumänen“ waren jahrhundertelang mit schlechten Eigenschaften charakterisiert, die sie zum kollektiven Erbfeind westlich des Rheins bzw. östlich der Habsburger Monarchie machten. Nach zwei Weltkriegen konnten viele Feindbilder überwunden werden, dazu waren erhebliche Anstrengungen notwendig, und ihr Erfolg war in hohem Maß Ergebnis politischer Bildung, stetiger Aufklärung und beharrlichen Unterrichts. In der Praxis bedeutet die zur Überwindung von Vorurteilen und zur Auflösung von Feindbildern notwendige Anstrengung zähe Kleinarbeit, d. h. Forschung, deren Resultate mit präzisen Informationen und rationalen Argumenten Aufklärung leisten gegen Trugbilder, Mythen, Illusionen, die politisch instrumentalisiert Schaden stiften. Dazu gehört die Kenntnis sozial- und individualpsychologischer Gesetzmäßigkeiten, die das Handeln von Einzelnen wie von Gruppen bestimmen. Die Notwendigkeit der Erforschung von Vorurteilen liegt auf der Hand. Ihr Ziel ist die demokratische tolerante Gesellschaft, in der die Menschenrechte gelten und beachtet werden, in der Gleichberechtigung herrscht, in der Minderheiten und Mehrheit auf Augenhöhe kommunizieren.

Kirche mal von einer anderen Seite kennenlernen

Bericht vom 5. Marburger Konfi@Castle

Von Henri Heiland

Foto: Bernhard Dietrich
Foto: Bernhard Dietrich

Wie kreiert man die perfekte Konfirmandenfreizeit? Man nehme 150 Konfirmanden aus Marburg, 30 freiwillig arbeitende Jugendliche, ein paar Pfarrer, eine Prise Konzept, viel Spaß, nimmt das Alles und mischt es einmal kräftig durch. Am Mittwoch dem 10. 9. 2014 entsteigen 150 Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren einigen Bussen in Nordbayern. Sie haben ihr Ziel, die Burg Rothenfels erreicht, wo dieses Jahr zum fünften Mal das Marburger Konfi@ Castle stattfand. Das Konfi@Castle ersetzt die früher in Marburg üblichen Konfirmandenfreizeiten, die gemeindeintern stattfanden, und hat sich im letzten halben Jahrzehnt als Bestandteil des Konfirmandenunterrichts etabliert. Die Besonderheit neben der schlichten Größe ist der, dass ein eingestimmtes Team von 30 Jugendlichen (sogenannte Teamer) das Konfi@Castle mit organisieren und so für die Konfirmanden ein enger Kontakt zur Leitung besteht. Dadurch schafft es das Castle, den Konfirmanden mal einen ganz anderen Eindruck von Kirche zu vermitteln, als sie ihn zuhause erleben. Am Grundgerüst des Konfi@ Castles hat sich in den letzten fünf Jahren wenig geändert. Zum Einen sind da die christlichen Einheiten mit den Pfarrern, wie der Morgenandacht, die speziell für Jugendliche konzeptioniert ist. Dazu bieten die Pfarrer die AGs an, wo verschiedene Themen (z. B. das Männerbild in der Bibel damals und heute) in kleinen Gruppen behandelt werden. Die Teamer bieten außerdem ein ergänzendes Programm an. Zum einen sind da die Nachmittagsworkshop, in die sich die Konfis einwählen können, von einem Ballsportworkshop bis hin zu kreativ-musischen Angeboten werden über 15 verschiedene Workshop dargeboten und so ist für jeden Konfirmanden etwas Passendes dabei. Und dann wären da noch die Abendveranstaltungen. Der Casino- Abend beispielsweise, an dem die Konfis in einem eingerichteten Casino um Konfi-Points spielen und dabei von anzugtragenden Teamern bedealt werden. Oder der Lichter-Abend, an dem die Gemeinden intern einen präparierten Wolfspfad bestreiten, der von Lichtern beschienen wird und an dessen Rand verschiedene Aufgaben warten, wie einige Minuten still warten einfach mal auf die Umgebung zu hören. Dieses Jahr wurde außerdem zum ersten Mal ein Quiz-Abend angeboten, bei dem den Teilnehmern Fragen wie bei Günther Jauchs Wer wird Millionär? gestellt wurden. Der letzte Abend zeigte dann noch einmal, wie viel Spaß Jugendliche auch ohne Alkohol in einer Disco haben können. Als es dann zum Abschied ging, war dann auch eine gewisse Trauer bei den Konfirmanden zu spüren. Diese konnte aber dadurch getilgt werden, dass es für einige bereits in den Herbstferien weitergeht, wenn einige Konfirmanden auf eine Fortbildung fahren, die sie darauf vorbereitet, einmal selbst Teamer zu werden.

Luthers Judenhass - ein schwieriges Erbe

Bernd Buchner, GB/epd

Das Lutherdenkmal in Erfurt, Thüringen. Foto: © epd-bild / Jürgen Müller
Das Lutherdenkmal in Erfurt, Thüringen. Foto: © epd-bild / Jürgen Müller

Vor dem Reformationsjubiläum kommen auch die Schattenseiten der Reformation in den Blick. Vor allem Martin Luthers Judenhass ist für die evangelische Kirche eine Erblast. Seine erste Schrift zum Thema lag am 5. August genau 500 Jahre zurück. Als „dunkles Kapitel" bezeichnet der Lutherforscher Bernhard Lohse die Haltung des Reformators zu den Juden. Martin Luther (1483-1546) wandte sich in einer Schärfe gegen das Volk der Bibel, die es noch Jahrhunderte später dem NS-Regime leicht machen sollte, sich auf ihn zu berufen. Auch wenn es keine direkte Linie zu Hitler oder gar zum Holocaust gibt, bleibt Luthers Judenhass für die evangelische Kirche ein schwieriges Erbe. Das gilt auch im Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum. Schon vor dem Wittenberger Thesenanschlag hatte sich Luther mit den Juden beschäftigt. Seine erste briefliche Äußerung zum Thema liegt genau 500 Jahre zurück. Am 5. August 1514 stellte er sich in einem Schreiben an Georg Spalatin hinter den Humanisten Johannes Reuchlin (1455- 1522), der die Verbrennung des Talmud ablehnte. Luther ließ zugleich keinen Zweifel daran, dass er das jüdische Schrifttum für gottesläs - terlich hielt. Er wollte die Juden zum Christentum bekehren. Als er damit scheiterte, verlangte er ihre Vertreibung und das Niederbrennen der Synagogen. Luthers „Judenschriften" fanden weite Verbreitung, galten aber in den Jahrhunderten nach seinem Tod als Randerscheinung der reformatorischen Theologie. Orthodoxe Lutheraner lehnten Judenmission ab, da sie „verstockt" seien, während sich die pietistische Erweckungsbewegung auch weiter unter den Juden für Jesus als den Messias werben wollte. Oft wurde zwischen dem „frühen", vermeintlich judenfreundlichen, Luther und dem alternden Reformator mit seinen schlimmen Ausfällen gegen das Volk der Bibel unterschieden.

Hitler erklärte sich zum Nachfolger Luthers

Das führte im 19. Jahrhundert, als über die rechtliche Gleichstellung der Juden in Deutschland diskutiert wurde, zur paradoxen Situation, dass sich sowohl Befürworter als auch Gegner der Judenemanzipation auf Luther berufen konnten. Zugleich wurde dessen theologischer Antijudaismus um so stärker auch von nichtkirchlichen Kreisen verwendet, als man Luther zum nationalen Helden stilisierte. Erstaunlich ist etwa, dass ein radikaler Antisemit wie der evangelische Berliner Hofprediger Adolf Stoecker, Gründer der Christlichsozialen Partei, nur sehr selten auf den Judenhass des Reformators zurückkam. Stattdessen wurde Luther zur Fundgrube der radikalen Nationalisten, der Rassenantisemitismus konnte fast nahtlos an den theologischen Antijudaismus anschließen. Heinrich von Treitschkes Parole „Die Juden sind unser Unglück", später das Leitwort der NS-Bewegung, ist einer Passage aus Luthers „Judenschriften" entnommen. Der völkische Bayreuther Chefideologe Houston Stewart Chamberlain stilisierte Luther zum Heros eines pseudoreligiösen „arischen" Christentums. Und Hitler erklärte sich zum Nachfolger des „kleinen unbedeutenden Mönchs", der den Kampf gegen „eine Welt von Feinden" gewagt habe. Nach Hitlers Machtübernahme waren es die nationalsozia - lis tischen Deutschen Christen, die sich Luthers Judenhass auf ihre Fahnen schrieben und propagierten. Als im November 1938 überall im Reich die Synagogen brannten, veröffentlichte der thüringische Landesbischof Martin Sasse unter dem Titel „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!" Auszüge aus Luthers judenfeindlicher Schrift „Von den Juden und ihren Lügen". Genüsslich wies er darauf hin, dass schon der Reformator die Synagogen hatte anzünden wollen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden kam es in der evangelischen Kirche zu einem radikalem Umdenken. Theologisch drückte sich dies im endgültigen Verzicht auf Judenmission aus, wie sie etwa die rheinische Landessynode 1980 beschloss. Sie stützte sich dabei auf ein Wort aus dem Römerbrief: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich." Auf historischer Ebene begann eine kritische Reflektion von Luthers Antijudaismus sowie der Rolle der evangelischen Christen zwischen 1933 und 1945 sowie ihrer Verantwortung für den Holocaust. Mit Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum hat sich die Diskussion inzwischen ausgeweitet und teils auch geschärft. So widersprach jüngst der Bochumer Kirchen - his toriker Johannes Wallmann der verbreiteten Auffassung, Luthers Antijudaismus sei in der Kirche erst nach 1945 überwunden worden. Diese Position vertritt etwa die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. Wallmann hingegen argumentiert, Luthers „Judenschriften" seien über Jahrhunderte unbeachtet geblieben und erst in der NS-Zeit wieder hervorgeholt worden. Am Versagen der Kirche in den Jahren des „Dritten Reiches" ändert das aber wenig. Dies müsse auch bei den Feierlichkeiten 2017 offen thematisiert werden, verlangt etwa die evangelische Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg. Dass die Reformation nicht nur aus Luther bestand, wird indes auch beim Thema „Kirche und Juden" deutlich: Andere Reformatoren wie Justus Jonas, Martin Bucer, Heinrich Bullinger oder Andreas Osiander hatten eine wesentlich freundlichere Haltung zum Volk der Bibel und widersprachen Luther zum Teil heftig. Auch diese Meinungsbreite gehört zum evangelischen Erbe.

Mit der Trauer leben lernen

Die Trauergruppe „Emily“ besteht seit zehn Jahren

Text und Bild: Ines Dietrich

Pfarrer Armin Wehrmann zeigt einer Besucherin den Raum, in dem sich die Kindergruppe regelmäßig trifft.
Pfarrer Armin Wehrmann zeigt einer Besucherin den Raum, in dem sich die Kindergruppe regelmäßig trifft.

Tod und Sterben, Trauer und Leid sind für viele Menschen Themen, mit denen sie sich nur ungern auseinander setzen. Im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde der Martinskirche in Wehrda steht die Trauer alle vierzehn Tage zwei Stunden lang im Mittelpunkt. Hier gibt es seit zehn Jahren die „Trauergruppe Emily“, die Kindern, Jugendlichen und ihren Angehörigen, die einen Menschen verloren haben, einen geschützten Raum gibt, in dem sie ihre Trauer auf individuelle Weise bearbeiten, aushalten und zulassen können. „Wir versuchen hier die Gelegenheit zu geben, dass jeder seinen eigenen Weg durch die Trauer findet“, sagt Heather Unway, deren Tochter Emily mit siebzehn Jahren auf einer Urlaubsreise bei einem Autounfall gestorben ist. Emilys Eltern besuchten gemeinsam mit ihren Töchtern in einem Zentrum für trauernde Kinder in den USA eine Trauergruppe, in der sie lernten, mit ihren Schmerzen und Gefühlen umzugehen und auch Verständnis für die Trauer des Anderen zu entwickeln. In Deutschland, so Pfarrer Armin Wehrmann, der gemeinsam mit Heather Unway die Trauergruppe gegründet hat und betreut, gebe es ein vergleichbares Angebot, gerade für Kinder und Jugendliche, nur selten. „Wir bekommen manchmal Anfragen aus Frankfurt“, sagt Armin Wehrmann. Dabei sei es, erzählt eine Teilnehmerin, ganz besonders wichtig, dass es einen Ort gebe, an den die Kinder mit ihren Angehörigen kommen könnten – und dass dort jeder seinen eigenen Bereich habe. „Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass der Andere in der Nähe ist und man aber dennoch auf eigene Weise trauern kann“, sagt sie. Das bestätigt Pfarrer Wehrmann: „Was in den einzelnen Gruppen besprochen wird, bleibt auch dort. Hier darf man lachen und weinen und wütend sein. Alles ist erlaubt.“ Im Keller, wo sich die Kinder treffen, liegen bunte Kissen, mit denen „manchmal bis zur Erschöpfung getobt wird“, so Armin Wehrmann. Man kann basteln, Musik hören, malen, reden – wie die zwei Stunden verbracht werden, ist ganz unterschiedlich. Im Raum oben sitzen die Erwachsenen zusammen. Es habe noch nie, so Heather Unway, Probleme gegeben, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie ist glücklich über die Räume im Gemeindehaus, die seit zehn Jahren kostenlos zur Verfügung stehen und einen sicheren und vertrauten Rahmen geben, der vielen Menschen in einer schweren und leidvollen Zeit Stabilität und Hilfe bietet. „Es ist wichtig zu erfahren, dass man auch nach einem solchen Verlust weiterleben, mit der Trauer leben kann“, sagt Heather Unway und hofft, dass die Trauergruppe, die sich ausschließlich durch Spenden finanziert, auch weiterhin verlässlich für Kinder, Jugendliche und ihre Angehörigen da sein kann.

Editorial Oktober 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

woran denken Sie bei dem Wort „Buße“? Denken Sie vielleicht an das finsterste Mittelalter, als Menschen sich selber geißelten, um Gott gnädig zu stimmen angesichts von Höllenangst und Epidemien? Oder werden Sie eher erinnert an den letzten Bußgeldbescheid wegen Falschparken oder zu schnellem Fahrens? So oder so – „Buße“ hat für die meisten von uns einen eher düsteren, negativen Klang. Und wenn ein Satz wie: „Das wirst du mir büßen“ ausgesprochen wird, weiß jeder, was die Stunde geschlagen hat. Von daher ist auch nachvollziehbar, dass die wenigsten Menschen noch etwas anzufangen wissen mit dem Buß- und Bettag, der noch bis 1995 gesetzlicher Feiertag war. Manchmal aber wird das, was dieser evangelische Feiertag im Blick hat, mit Händen greifbar. Ich denke z. B. an jenen Mitfünfziger, der sich einer schweren Herzoperation unterziehen musste. Eine Herzklappe versagte den Dienst. Vermutlich ausgelöst durch eine übergangene Grippe. Angesichts der Tatsache, dass sein Leben plötzlich an einem seidenen Faden hing, stand für diesen Mann sein gesamtes bisheriges Lebenskonzept in Frage. „Wofür habe ich mich so abgeplagt all die Jahre? Warum hatte ich immer nur so wenig Zeit für Kinder, Frau und Freunde? Was habe ich gemacht mit meinen Träumen? Und: was für einen Wert hat das Ergebnis meiner Arbeit, die zwar gut bezahlt wurde, aber doch sehr vordergründigen Zielen dient?“ Im Grunde geht es beim Thema „Buße“ aus evangelischer Sicht immer um solche existenziellen Fragen: Wozu lebe ich? Wofür setze ich die mir von Gott anvertraute Lebenszeit ein? Haben die Prämissen meines Lebens noch etwas mit Gottes Willen zu tun? Es geht um eine radikal ehrliche Selbstreflexion vor Gottes Angesicht. Aber nicht mit dem Ziel der Selbstzerknirschung. Sondern mit der Chance eines Neuanfangs, einer Neuausrichtung des Lebens, bevor es womöglich zu spät ist. Professor Dr. Christoph Barnbrock trägt in unserem Themenartikel noch viele weitere wichtige und bedenkenswerte Aspekte zum Thema „Buße“ zusammen, die allesamt zeigen: Buße – richtig verstanden – ist und bleibt topaktuell! Eine KiM-Lektüre mit viel Gewinn wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz