Frauen der Reformation

 

Von Dr. Cornelia Schlarb

 

Die Reformation im 16. Jh. reichte in alle Bevölkerungsteile und fand eine große Anhängerschaft gerade in den freien Reichsstädten, bei der Bürgerschaft, dem ansässigen Adel und unter der bäuerlichen Bevölkerung. Aufgrund zentraler reformatorischer Grundüberzeugungen, wie dem durch die Taufe begründeten Priestertum aller Glaubenden und dem reformatorischen Schriftprinzip, haben sich gerade in der Anfangszeit der Reformation bis zum Beginn der Bauernaufstände 1525 auch Frauen und Laien in die theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen eingemischt. Als Mittel zur Verbreitung ihrer Ansichten nutzten sie häufig das Medium der Flugschrift, die zwischen 1521 und 1525 einen Höhepunkt an Veröffentlichung erlebte. Wer nicht lesen konnte, dem wurde der Inhalt auf dem Markt, im Wirtshaus oder von der Kanzel vorgelesen.

Die Reformation legalisierte auch die Priesterehe und die Pfarrfrau als rechtmäßige Ehefrau. Das protestantische Modell des Pfarrhauses beruht auf der neuen Wertschätzung der Priesterehe und des nun favorisierten Rollenmodells für Frauen als Hausmutter und Ehefrau. Für die Frauen wirkte sich dieses neue Leitbild ambivalent aus, zumal auch das reformatorische Eheverständnis die Unterordnung der Frau unter den Mann vorsah.

Mit dem neuen Leitbild der Priesterehe ging die Abwertung des monastischen Lebens in klösterlichen Gemeinschaften einher. Neben einer freiwilligen Abkehr vom Nonnenleben und sogar fluchtartigem Verlassen von Klöstern kam es aber nicht selten zu deren Zwangsauflösungen, oft gegen den Willen der weiter dort leben wollenden Frauen. Ihnen raubte man damit alternative Lebensmöglichkeiten und weit reichende Bildungs- und Wirkmöglichkeiten. Häufig wurden die geschlossenen und enteigneten Klosteranwesen in evangelische Krankenhäuser und Schulen umgestaltet.

 

Reformatorenfrauen und Reformatorinnen

 

Anfang der 1520er Jahre setzte unter den Reformatoren eine regelrechte Heiratswelle ein. Luther hatte 1520 dem 23jährigen Philipp Melanchthon geraten, sich zu verheiraten. Melanchthon ehelichte Katharina Krapp, Tochter des Wittenberger Ratsherrn und Bürgermeisters. Noch vor Luther heirateten Martin Bucer 1522 und die ehemalige Nonne Elisabeth Silbereisen, Johannes Bugenhagen, Luthers Mitarbeiter in Wittenberg, und Walpurga Triller (auch Trittler). Ein Jahr später 1523 traten Matthäus Zell und Katharina Schütz in Straßburg in den Ehestand. Wolfgang Capito heiratete 1523 Agnes Roettel, und Ulrich Zwingli, seit 1522 heimlich mit Anna Reinhart verheiratet, bekannte sich 1524 öffentlich zu seiner Ehefrau.

Die wohl bekannteste Reformatorenfrau ist die ehemalige Nonne Katharina von Bora (*1499 auf Gut Lippendorf, † 1452 in Torgau), die mit Martin Luther 1525 in den Ehestand trat, als die Bauernaufstände und deren blutige Niederschlagung das Land erschütterten. An exponierter Stelle wagten die Luthers dieses neue Lebensmodell „Priesterehe“, und gerade die Ehefrau stand unter allgemeiner Beobachtung und musste erhebliche Angriffe von altgläubiger oder anderer Seite aushalten.

Katharina von Bora leitete ein Hauswesen, das von der Größe her ein kleines Unternehmen darstellte und zeitweise über 40 Personen umfasste. Als Finanzchefin beaufsichtigte sie die Drucklegung der Lutherschriften und beteiligte sich wohl auch an den berühmten Tischreden. Von früh bis spät war sie um den großen Haushalt mit Gästebetrieb und die zahlreichen studentischen Untermieter im Schwarzen Kloster in Wittenberg bemüht. Sie gebar sechs Kinder, von denen zwei Töchter jung verstarben.

Unter den Reformatorenfrauen ragt Katharina Zell, geb. Schütz (* um 1497 in Straßburg, † 1562 in Straßburg), heraus, die als Laientheologin auch predigte, reformatorische Gedanken öffentlich verteidigte und zahlreiche Schriften verfasste. Nur ein Bruchteil ihres literarischen Werkes ist erhalten geblieben. Katharina Zell wird in jüngeren Publikationen zu Recht als „Reformatorin“ bezeichnet. Bereits 1524 erschienen zwei ihrer Schriften im Druck. In der einen verteidigt sie den Zölibatsbruch ihres Mannes und die Priesterehe, die andere Schrift ist als Trostbrief an die evangelisch gesinnten Frauen in Kenzingen gerichtet, deren Männer ins Exil nach Straßburg gehen mussten. Beide Schriften offenbaren die Bandbreite ihres literarischen Schaffens, das von seelsorgerlich-theologischen bis hin zu kämpferisch-polemischen Schriften reichte.

Katharina Zell las die Bibel aus der Perspektive einer Frau und rechtfertigte ihr eigenes Handeln mit dem Auftreten und der Rolle von Frauen in der Bibel. Wohl dreimal hat Katharina Zell gepredigt: bei der Beerdigung ihres Mannes 1548 und zweimal 1562 bei der Bestattung von Täuferfrauen, denen die evangelischen Prediger eine christliche Beerdigung verweigerten.

Zusätzlich zu ihrer publizistischen Tätigkeit entfaltete Katharina Zell eine breite sozialdiakonische Aktivität, indem sie sich in Straßburg für Bildungseinrichtungen, ein Armenhaus, Gefängnisseelsorge und die Unterbringung von Flüchtlingen engagierte. Sie unterhielt persönliche Kontakte zu zahlreichen Reformatoren und stand in regem Briefwechsel mit vielen von ihnen.

Frauen, die mit Flug- und Streitschriften die reformatorischen Bestrebungen zu Beginn des 16. Jh.s unterstützten, gehörten überwiegend dem Adelsstand an. Ihr prophetisches Selbstbewusstsein gewannen sie durch biblische Vorbilder - Frauengestalten wie Judith, Esther oder Susanna spielten eine Rolle - und anhand von Bibelversen, die die Gleichstellung von Frauen und Männern implizieren wie Gal 3,28 oder zum freimütigen Bekenntnis auffordern wie Mt 10,32f. Die Menschen deuteten ihre Zeit gesellschaftlicher Umbrüche im Lichte urgemeindlicher oder endzeitlicher Verhältnisse. Dies ermutigte gerade auch die Frauen, provokativ aufzutreten.

Argula von Grumbach, geb. von Stauff (* 1492 auf Burg Ehrenfels in Franken, † 1554 auf Schloss Zeilitzheim bei Schweinfurt), wagte sich als erste Frau 1523 mit einer reformatorischen Schrift an die Öffentlichkeit. Mit ihren insgesamt acht Werken erreichte sie hohe Auflagen. Im Protestbrief an die Universität Ingolstadt setzte sie sich für den 18jährigen Magister Arsacius Seehofer ein, der für die lutherische Lehre geworben hatte und mit Gewaltandrohung zum Widerruf gezwungenen worden war. Mit diesem Schreiben eröffnete sie einen Disput mit den Universitätsprofessoren, der von den Professoren jedoch nicht aufgenommen wurde. Argula stand mit Luther und anderen Reformatoren in Briefwechsel, der leider nicht erhalten ist.

 

Frauen in radikal reformatorischen Gruppen und Kontexten

 

Frauen haben beispielsweise das Bauernkriegsgeschehen aufmerksam mitverfolgt, Stellung dazu bezogen und sich auch aktiv an aufrührerischen Handlungen beteiligt. Thomas Müntzers Ehefrau Ottilie von Gersen, ebenfalls eine ehemalige Nonne, störte mit einer Gruppe Frauen Anfang 1525 den Gottesdienst in Mülverstedt, wofür sie inhaftiert wurde.

Die berühmteste Frau im Täuferreich zu Münster war Hille Feicken, die sich mit der biblischen Judith identifizierte und im Juni 1534 auszog, den Fürstbischof Franz von Waldeck zu töten. Dieser Vorstoß misslang und Hille Feicken wurde hingerichtet.

Frauen, die als Fürstinnen und Regentinnen die Reformation in ihrem Territorium vorangebracht haben, gab es mehr, als bisher allgemein wahrgenommen wird. In die Reihe der Landesherrinnen, die aktiv in die theologischen und politischen Auseinandersetzungen im Reformationszeitalter verwickelt waren, gehörten z. B. Herzogin Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg, Fürstin zu Calenberg-Göttingen (* 1510 in Cölln, heute Berlin, als Elisabeth von Brandenburg, † 1558 in Ilmenau); Elisabeth von Hessen oder Rochlitz (* 1502 in Marburg, † 1557 in Schmalkalden), Herzogin von Sachsen, Schwester Landgraf Philipps von Hessen; Katharina von Mecklenburg (* 1487, † 1561 in Torgau), verheiratet mit Herzog Heinrich von Sachsen; Anna von Dänemark (* 1532 in Hadersleben, † 1585 in Dresden), Herzogin und Kurfürstin von Sachsen; Elisabeth von Dänemark (* 1485 in Schloß Nyborg auf Fünen, † 1555 in Berlin), Kurfürstin von Brandenburg, oder Magdalena Sibylla von Preußen (* 1586 in Königsberg, † 1659 in Dresden), Kurfürstin von Sachsen. Als Landesmütter haben sie nicht nur repräsentiert, sondern ihre religiösen, wirtschaftlichen und politischen Interessen wahrgenommen und gestaltet.

Herzogin Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg gilt als die „Reformationsfürstin“, die zusammen mit dem hessischen Reformator Antonius Corvinus (1501-1553) die Reformation in Süd-Niedersachsen durchsetzte. Sie zählt einerseits zu den Frauen, die mit ihren Veröffentlichungen reformatorisch wirksam wurden, andererseits als Landesherrin politische Macht besaßen, um die Reformation auf ihrem Territorium voranzubringen. Sie war eine der produktivsten Schriftstellerinnen, verfasste geistliche Lieder, lyrische und didaktische Schriften, ein Regierungshandbuch mit religiösen und politischen Ermahnungen für ihren Sohn Erich 1545, ein Ehestandsbuch für ihre Tochter Anna-Maria 1550, das Trostbuch für Witwen 1556 und vieles mehr.

 

Wissenschaftlerin und Liederdichterin

 

Eine Italienerin, Olympia Fulvia Morata (* 1526 in Ferrara, † 1555 in Heidelberg) wäre fast die erste Universitätsprofessorin in Heidelberg geworden. Seit 1540 lebte Olympia als Erzieherin am Hof in Ferrara. Herzogin Renata d‘Este (auch: Renée de France, Tochter des französischen Königs Ludwig XII.) war in ihrer französischen Heimat mit reformatorischem Gedankengut in Kontakt gekommen, legte großen Wert auf die Ausbildung ihrer Töchter und Söhne und gewährte französischen Glaubensflüchtlingen in Ferrara Unterschlupf. 1549 heiratete Olympia den deutschen Arzt Andreas Grundler, verließ Italien und ging nach Schweinfurt.

Bei der Eroberung Schweinfurts 1554 durch die kaiserliche Armee verlor sie ihre wertvolle Bibliothek und ihre Manuskripte. Als ihr Mann an die Universität Heidelberg berufen wurde, erhielt Olympia einen Lehrauftrag für Griechisch, verstarb aber 1555 an Tuberkulose. Posthum erschien 1558 die erste Ausgabe von 50 Briefen und mehreren kleinen Schriften, herausgegeben von ihrem väterlichen Freund Curione.

Elisabeth Cruciger, geb. von Meseritz (* um 1500 im deutsch-polnischen Grenzgebiet, † 1535 in Wittenberg), ist die erste protestantische Liederdichterin. Eines ihrer Lieder findet sich bis heute im Evangelischen Gesangbuch: „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ (EG 67), das der Epiphaniaszeit zugeordnet ist. Elisabeth verließ 1522 das Kloster und wurde im Haus von Johannes Bugenhagen in Wittenberg aufgenommen. 1524 heiratete sie Luthers Schüler und Mitarbeiter Caspar Cruciger. Leider verstarb sie schon früh 1535 in Wittenberg.

Ausblick

 

Frauen haben in unterschiedlichen Funktionen und auf vielfältige Weise am Reformationsprozess Anteil gehabt. Im Rahmen der Reformationsdekade werden viele ihrer Beispiele gewürdigt. Seit Mai 2013 ist das Projekt „500 Jahre Reformation - von Frauen gestaltet“ online: www.frauen-und-reformation.de und lädt zum Lesen und aktiven Gestalten ein.

Sechs Postkarten mit Kurzbiografien von Katharina von Bora, Wibrandis Rosenblatt, Argula von Grumbach, Brigitta Wallner (eine österreichische Bibelschmugglerin), Olympia Morata und Herzogin Elisabeth von Rochlitz hat das Frauennetzwerk des Lutherischen Weltbundes Westeuropa veröffentlicht. Die Postkarten können bei der Gleichstellungsbeauftragten der sächsischen Landeskirche bezogen werden (kathrin.wallrabe@evlks.de).

Die Wanderausstellung der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland „Frauen der Reformation in der Region“ erfreut sich großer Beliebtheit und ist ausleihbar: www.frauenarbeit-ekm.de/lilac_cms/de/4734/Frauen-der-Reformation-/Wanderausstellung.html

Eine groß angelegte Sonderausstellung „Eine starke Frauengeschichte. 500 Jahre Reformation“ wird derzeit in Sachsen vorbereitet. Die Ausstellung wird vom 1. Mai bis 31. Oktober 2014 im Schloss Rochlitz, dem Witwensitz Elisabeths von Rochlitz, gezeigt. Ein Ausflug dorthin mit der Gemeinde oder Frauengruppen lohnt sich auf alle Fälle.

 

Dr. Cornelia Schlarb, verheiratet, Theologin und Kirchenhistorikerin, Studium der evangelischen Theologie in Marburg und Heidelberg stellvertretende Vorsitzende des Konventes Evangelischer Theologinnen in der BRD e.V., Koordinatorin des Masterstudiengangs „Intercultural Theology“ an der Georg-August-Universität Göttingen

Editorial Oktober 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

woran denken Sie bei dem Wort „Buße“? Denken Sie vielleicht an das finsterste Mittelalter, als Menschen sich selber geißelten, um Gott gnädig zu stimmen angesichts von Höllenangst und Epidemien? Oder werden Sie eher erinnert an den letzten Bußgeldbescheid wegen Falschparken oder zu schnellem Fahrens? So oder so – „Buße“ hat für die meisten von uns einen eher düsteren, negativen Klang. Und wenn ein Satz wie: „Das wirst du mir büßen“ ausgesprochen wird, weiß jeder, was die Stunde geschlagen hat. Von daher ist auch nachvollziehbar, dass die wenigsten Menschen noch etwas anzufangen wissen mit dem Buß- und Bettag, der noch bis 1995 gesetzlicher Feiertag war. Manchmal aber wird das, was dieser evangelische Feiertag im Blick hat, mit Händen greifbar. Ich denke z. B. an jenen Mitfünfziger, der sich einer schweren Herzoperation unterziehen musste. Eine Herzklappe versagte den Dienst. Vermutlich ausgelöst durch eine übergangene Grippe. Angesichts der Tatsache, dass sein Leben plötzlich an einem seidenen Faden hing, stand für diesen Mann sein gesamtes bisheriges Lebenskonzept in Frage. „Wofür habe ich mich so abgeplagt all die Jahre? Warum hatte ich immer nur so wenig Zeit für Kinder, Frau und Freunde? Was habe ich gemacht mit meinen Träumen? Und: was für einen Wert hat das Ergebnis meiner Arbeit, die zwar gut bezahlt wurde, aber doch sehr vordergründigen Zielen dient?“ Im Grunde geht es beim Thema „Buße“ aus evangelischer Sicht immer um solche existenziellen Fragen: Wozu lebe ich? Wofür setze ich die mir von Gott anvertraute Lebenszeit ein? Haben die Prämissen meines Lebens noch etwas mit Gottes Willen zu tun? Es geht um eine radikal ehrliche Selbstreflexion vor Gottes Angesicht. Aber nicht mit dem Ziel der Selbstzerknirschung. Sondern mit der Chance eines Neuanfangs, einer Neuausrichtung des Lebens, bevor es womöglich zu spät ist. Professor Dr. Christoph Barnbrock trägt in unserem Themenartikel noch viele weitere wichtige und bedenkenswerte Aspekte zum Thema „Buße“ zusammen, die allesamt zeigen: Buße – richtig verstanden – ist und bleibt topaktuell! Eine KiM-Lektüre mit viel Gewinn wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz