Mystik und Coaching

Ein neuer Geist im Management

Von Prof. Dr. Sabine Bobert

Spiritualität und betriebswirtschaftliches Denken gehen in der evangelischen
Kirche derzeit noch getrennte Wege. Rein wirtschaftlich betrachtet, handelt sich damit die Kirche enorme Verluste ein. Maßgebliche Wirtschaftszeitungen
wie „Capital“ berichten längst davon, welche zentrale Rolle spirituelle Übungen
wie Zen für Führungskräfte spielen. Manager erlangen dadurch eine authentische soziale Kompetenz und ändern ihren Führungsstil. Paul Kohtes und andere Manager deutscher und internationaler Firmen berichten im Buch „Zen@Work“ (2009) davon, wie sie durch spirituelle Übungen mehr Konzentration und höhere Leistungsfähigkeit entwickelt haben. Aus wirtschaftlicher Sicht wird Spiritualität zunehmend als zentraler Faktor zur Entwicklung des „Human- und Sozialkapitals“ von Firmen betrachtet. Der
deutsche Professor Klaus Kairies für Betriebswirtschaftslehre von der Fachhochschule Hannover ist überzeugt, dass sich die Produktivität künftig vor allem durch die Weiterentwicklung des Wachstumsfaktors Mensch steigern lässt, und dies vor allem auf der Basis spiritueller Übungen. Sie dienen dem
Stressmanagement und langfristiger Gesundheit , führen zu konfliktfreieren Teams und zu gesteigerter Produktivität. Während in der theologischen Ausbildung noch weitgehen deine kritische Abstinenz gegenüber spirituellen Übungen vorherrscht, sowohl thematisch als auch erst recht praktisch, legt die seit etwa dem Jahr 2000 boomende Meditationsforschung wissenschaftlich dar,
wie spirituelle Übungen unser Gehirn kurz-, mittel- und langfristig umformen können und welche Vorteile im Einzelnen daraus entstehen. Hier für werden
bewegungsorientierte Methoden wie Tai Chi und Yoga, aber auch bewegungs- lose Meditationswege wie Zen und das christliche Jesus gebet untersucht, ebenso Neuentwicklungen wie das Autogene Training und MBSR nach Jon Kabat-Zinn, das vom Buddhismus her geprägt ist. Forscher interessieren
sich vor allem für den Coaching-Effekt spiritueller Übungen und die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten.

Mehr graue Zellen durch Meditieren

Prof. Dr. Sabine Bobert ist Professorin an der Universität Kiel, Meditionslehrerin der von ihr begründeten Richtung „MTP – Mental Turning Point“, Autorin von „Mystik und Coaching“ und „Jesusgebet und neue Mystik“ . Foto: Kai Abresch, Berlin
Prof. Dr. Sabine Bobert ist Professorin an der Universität Kiel, Meditionslehrerin der von ihr begründeten Richtung „MTP – Mental Turning Point“, Autorin von „Mystik und Coaching“ und „Jesusgebet und neue Mystik“ . Foto: Kai Abresch, Berlin

Deutsche Meditationsforscher wie Heinrich Ott von der Universität Gießen („Meditation fürSkeptiker“, 2010) legt detailliert dar, wie bestimmte Übungen die graue Hirnsubstanz in einzelnen Regionen wachsen lassen. Übungen wie Zen, die sehr die „einspitzige Konzentration“, also eine anhaltende Fokussierung auf einen Konzentrationspunkt, trainieren, verhindern sogar den altersbedingten Abbau von grauer Hirnsubstanz. Spirituelle Übungen, die die Wahr-
nehmung und die Konzentration

schulen, machen schlauer, gelassener
und sogar gesünder. Daher hat seit den 1990er Jahren selbst unter Psychologen eine Trendwende eingesetzt. Nicht mehr Sigmund
Freuds These, dass Religion seelisch krank macht, beherrscht das Denken, sondern inzwischen gilt umgekehrt: Spirituelle Übungen zählen zur wichtigsten Heilungsquelle im therpeutischen Prozess. Der deutsche Professor für Klinische
Psychologie, Renaud van Quekelberghe, stellt die neuesten Forschungsergebnisse und die vielfältigen Methoden in seinem Buch „Grundzüge der spirituellen Psychotherapie“ (Eschborn bei Frankfurt, 2007) vor. Sogar bei schweren seelischen Erkrankungen wie Essstörungen, Suchterkrankungen, Aufmerksamkeits-defiziten, Depression und Borderline-Störung werden inzwischen spirituelle Übungen eingesetzt. „Die inneren Vorgänge wahrzunehmen und regulierend
einzugreifen, hilft auch bei Neigungen zur Depression. Grübeln und selbst-abwertende Gedanken rechtzeitig zu erkennen und zu beenden, kann verhindern, dass negative Gefühle hervorgerufen und verstärkt werden und eine Abwärtsspirale in Gang kommt, an deren Ende ein depressiver Sumpf jede Lebensfreude erstickt“, so der deutsche Meditationsforscher Ulrich Ott.
Im Coaching lassen sich spirituelle Übungen sowohl zur Selbstwahrnehmung einsetzen als auch zum Trainieren neuer Denkgewohnheiten und neuer
Gefühlsreaktionen. Der Mensch gilt nicht mehr als festgelegt durch seine Gehirnstrukturen in der Kindheit, wie einst bei Sigmund Freud. Inzwischen wird
umgekehrt dazu aufgefordert, dass wir das Gehirn übend zu unserem Werkzeug umformen, mit Sharon Begley formuliert: „Neue Gedanken – neues Gehirn“. Unter diesem Buchtitel (2010) fasst die Wissenschaftsjournalistin
eine Tagung führender Neurowissenschaftler mit dem Dalai Lama zusammen.

Coaching, Heilung, Mystik – Schätze im Christentum

Ich selbst habe zunächst vier Jahre intensiv „Tao Yoga“ praktiziert, ehe ich auf das christliche Jesusgebet stieß. Ich begriff durch meine vertiefte Wahr- nehmung sofort, welch ein Schatz hier in unserer Tradition verborgen liegt. Das mantrisch zu wiederholende Gebet „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme
Dich meiner“ wirkt wie ein Direktkontakt zur Quelle. Fortan interessierte mich dieser christliche Beitrag zum spirituellen Coaching, zur Therapie und für
mystische Erfahrungen. Zusätzlich habe ich im Übungsweg „MTP – Mental Turning Point“ („Mystik und Coaching“, 2011) zwei Übungen hinzugenommen,
die den Willen schulen und Emotionen besser lehren. So können Menschen auch heute mit dem Jesusgebet die drei alten mystischen Stufen durchlaufen: „Reinigung“, „Erleuchtung“, „Vereinigung“. Vorausgesetzt ist dabei allerdings
eine hohe Übungsfrequenz, also je nach mentaler Belastbarkeit wirklich ein „immerwährendes“ Beten, wie es die Tradition von Anfang an überliefert hat.
Die alte Stufe „Reinigung“ lässt sich heute als „Coaching“ beschreiben. Man kann das Jesusgebet sowohl zum Selbstcoaching als auch in der Seelsorge
anderen als CoachingÜbung mitgeben. Hierbei geschieht das, was Meditations- forscher für den Zen-Weg als Einüben „einspitziger“ Konzentration beschreiben: Wir trainieren zunächst das gedankliche Fokussieren. Wer das Jesusgebet mitten im Alltag als immerwährendes Gebet übt, hat harte Trainingsbedingungen, da er vielen Ablenkungen standhalten muss. Anfangs lernt man, wie schwierig es ist, überhaupt einen selbstgewählten Gedanken-inhalt („Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner“) festzuhalten. Gleichzeitig nimmt man zunehmend wahr, was einem alles im Kopf kreist. Das Meiste davon sind stressige Inhalte: Ängste, Sorgen, Ärger. Das mantrische Jesusgebet wirkt hier langfristig wie ein Reiniger, der den Stress reduziert. Vor allem depressiven Menschen, die von niederschlagenden Gedanken gebeugt
und gelähmt sind, haben hier ein großes Befreiungsmittel. Persönlich kann das so erlebt werden:
- Ein angespannter Mensch mit hohen Normen, der bereits eine Psychotherapie und einen Klinikaufenthalt hinter sich hatte: „Ich fühle mich angenehm ruhig. Ich habe das Gefühl, als wäre eine Schutzwand um mich herum. Ich fühle
mich sicher.“
- Eine Lehrerin: „Ich merke, dass ich nur noch wenig verspannt bin, wenn ich zu Hause ankomme. Ich habe nicht mehr diese schreckliche Migräne.“
- Eine Projektleiterin: „Mein Arbeitsplatz erscheint mir wie neu. Mich belastet nichts mehr. Meine Projekte, die ich beantrage, werden jetzt immer genehmigt. Ich glaube, das kommt daher, weil ich jetzt viel klarer auftrete und klarer weiß,
was ich will. Ich komme abends viel frischer nach Hause.“


Auch seelische und sogar körperlich therapeutische Wirkungen sind inzwischen für das mantrische Beten medizinischerwiesen. Nach Prof. Dr. Benson löst die Sammlung in einem Mantra eine „Entspannungsreaktion“ (relaxation response)
aus. Diese tritt an die Stelle der alltäglichen „Kampf- oder Flucht reaktion“.


Körperlich heilsame Folgeeffekte sind:
- der Bluthochdruck sinkt deutlich

- chronische Schmerzen verringernsich
- 75 % der Patienten mit Einschlafstörungen wurden geheilt und konnten wieder normal schlafen, die übrigen 25% erlebten eine Besserung ihrer Schlafstörung

- bei Krebs- und Aidspatienten reduzierten sich die Symptome; Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkungen der Chemotherapie ließen sich besser unter Kontrolle halten

- bei Patienten, die unter Angstzuständen und leichten oder mittelschweren Depressionen litten, trat eine deutliche Besserung ein
- bei Patienten mit Migräne reduzierten sich Häufigkeit und Heftigkeit der Anfälle. (Benson, Heilung durch Glauben, München 1977, S. 176) Bensons Forschungsergebnisse decken sich mit Erfahrungen von meinen Kursteilnehmern:
- Eine an Depression erkrankte Frau: „Das mit ´Jesus Christus ´ habe ich vorhin bei einer Radtour geübt. Es klappt. Dann bin ich mit dem Rad zur
Rückenschule gefahren und ich hatte kaum Ängste. Es war ganz toll.“
- „Meine morgendlichen Kopfschmerzen sind zurückgegangen.“
- Ein 67-jähriger Mann, der nach einem zweiten Herzinfarkt seit drei Jahren gegen Bluthochdruck Blutdrucksenker, Blutverdünner und Cholesterintabletten
einnehmen musste, konnte die Medikamente absetzen, weil sein Blutdruck sich normalisiert hatte. Seelisch kranke Menschen können durch das Jesusgebet
oder verwandte christliche Gebetsformen (wie das Ruhegebet nach Cassian) durch die Klärung der Gedanken und Gefühle eine große Erleichterung erleben.
Hier liegt mir jedoch gleichzeitig an einer professionellen therapeutischen Begleitung. Eine wegen ihrer seelischen Leiden berufsunfähig geschriebene
Frau schrieb mir: „Ich habe schon das Gefühl, dass ich ruhiger, gelassener,
weniger ängstlich bin. Ich habe auch das Gefühl, dass ich ich manche Dinge einfach stoisch hinnehme, weil ich immer zufriedener werde. Zum Beispiel
habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich mich von meinem Mann trennen sollte, sondern, dass ich ihn eher so nehmen sollte wie er nun mal ist. Im
Gegenzug erkenne ich auch immer besser, was für ein schwieriger Mensch ich eigentlich bin und dass ich auch nicht ´so ganz ohne´ bin. Viele Menschen,
auch Ärzte, Psychologen, Therapeuten haben sich an mir schon die Zähne ausgebissen. Meine eigenen Grenzen zu erkennen, ist einerseits ein Schock, aber andererseits auch eine Erleichterung. Die Bitte um ´erbarme dich meiner´ bringt Demut in mein Leben.“ Auf diesem Weg hin zum mystischen Zentrum bildet sich ein neues Persönlichkeitszentrum, das an sich noch nichts Heiliges hat. Es handelt sich um eine neutrale Beobachterinstanz, die sich über unserem bisher bekannten Alltags-Ich befindet. Von ihr aus betrachten
wir uns wertfrei und entwickeln neue Handlungsstrategien, um Probleme zu lösen. Wir reagieren nicht mehr automatisch, sondern der neutrale Beobachter
schaltet sich dazwischen und unterbricht bisherige Automatismen.

- „Keine Lichtvisionen, nichts Mystisches. In meinem Kopf wird einfach alles klar. … Mein Ego – warum halte ich daran fest? Es ist der von Anderen programmierte Bereich. Bisher habe ich diese Programme am Laufen gehalten und weiter entwickelt. … Jesus Christus bündelt unser Geheimnis wie in einem Brennglas. Der Vater hat sein Wesen in die Menschheit hineingegeben. Gott ist Multität. Ich bin wesenseins mit dem Vater. Unser Ego hat eine fiktive Welt aufgebaut.“

Fotos: Luise_pixelio.de
Fotos: Luise_pixelio.de

Erste mystische Erfahrungen haben häufig mit direkter Einfühlung zu tun. Auf dieser Ebene vollzieht sich Mitgefühl nicht mehr auf der Vorstellungsebene,
sondern im Erleben einer erweiterten Identität. Eine Frau beschreibt ihr Erlebnis mystischer Einfühlung so: „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich begriffen – nicht mit dem Intellekt, sondern mit meinem Leib, meinem Körper –, dass
die persönliche Heiligung keine Privatangelegenheit ist! Ob wir es bewusst spüren oder auch nicht (im Grunde spielt das keine Rolle) – wir sind im ´mystischen Leib´ miteinander verbunden und somit ist ´Heiligung ´ eine höchst politische Angelegenheit. Wahrhaftig keine neue Erkenntnis und doch ein Quantensprung, wenn man es in allen Fasern des Körpers ´fühlt´. Im Klartext heißt das: wenn du ´mies drauf bist´, dann bin ich es auch, nicht als ´Zuschauer´, sondern ich erlebe es (wahrscheinlich in abgemilderter Form) tatsächlich mit! (Gilt natürlich auch für Freude, Friede, Kraft …) Dieses individuelle Beispiel lässt sich mit Sicherheit auf die Weltpolitik übertragen.
Das heißt allein schon um der Liebe willen (damit es meinem Nächsten gut geht) sollten wir uns um Heiligung bemühen.“ Auf dieser Entwicklungsstufe
warten Krisen eigener Art. Teils sind sie mit der Integration mystischer
Wahrnehmungsformen verbunden, die sich im Rahmen eines materialistischen Weltbildes nicht mehr hinreichend verstehen lassen. Der Mensch erkennt,
dass er in seinem innersten Wesen reines Bewusstsein ist. Alle anderen Identitätsebenen erscheinen als vorläufig.

Foto: S. Hofschlaeger _pixelio.de
Foto: S. Hofschlaeger _pixelio.de

„Engel und Dämonen“ – Dies academicus im Kath.-Theol. Seminar Marburg

Das Katholisch-Theologische Seminar Marburg hat sich im November im Rahmen seines diesjährigen „Dies academicus“ eines Themas angenommen,
das im fachwissenschaftlichen Diskurs bestenfalls eine marginale Rolle spielt, aber in der christlichen Volksfrömmigkeit und auch in der nicht-konfessionellen
Spiritualität von heute eine umso größere Rolle spielt: Engel und Dämonen. Die Vorstellung solcher Geistwesen „mittlerer Transzendenz“ (Hafner), die vermittelnd zwischen der Gottheit und den Menschen stehen, prägt nicht nur die christliche, sondern nahezu alle menschlichen Religionen und Kulturen. Grund genug einmal danach zu fragen, woher diese Vorstellungen stammen, wie sie sich entwickelt haben, welche Funktionen sie erfüllen und – nicht zuletzt – was sich zu der Wirklichkeit solcher Wesen sagen lässt. Diese Fragen wurden
aus vielfältigen Perspektiven beleuchtet: mit Blick auf Religionsgeschichte und christliche Tradition, Hl. Schrift, Kunstgeschichte, Psychologie und Psychotherapie. Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Rupert Scheule, den
Leiter des Seminars, führte Geschäftsführer Dr. Markus Lersch als Dogmatiker in das Thema ein. Dann nahm der Potsdamer Religionswissenschaftler Prof.
Dr. Johann Evangelist Hafner die knapp 100 Teilnehmer mit auf eine „Tour de force“ durch die religions- und geistesgeschichtliche Entwicklung der Engel- und Dämonenlehre. Hierbei kristallisierten sich im Wesentlichen drei Funktionen
der zunächst noch feinstofflich, schließlich aber rein geistig gedachten Mittelwesen heraus: Engel und Dämonen symbolisieren die unsichtbare, der Empirie entzogene Wirklichkeit und stehen so einer rein anthropozentrischen
Weltwahrnehmung entgegen. Als Mittelwesen gewährleisten sie zweitens die Kommunikation und den Austausch zwischen der als völlig weltjenseitig
gedachten Gottheit und der geschaffenen Welt. Drittens dienen sie schließlich der Immunisierung und Entschuldigung der Gottheit angesichts des in der
Welt erfahrenen Bösen und Schlechten. Der Referent beschrieb weiterhin die verblüffende Konjunktur des Engelsglaubens in der Gegenwart, der im
Gegensatz zum Gottesglauben weiter zunehme und diesen an Zustimmung längst überholt habe. Anschließend analysierte der Karlsruher  Religions-pädagoge und Psychotherapeut Prof. Dr. Helmut Jaschke die in den
Evangelien berichteten Exorzismen Jesu in exegetischer Hinsicht und deutete sie aus der Sicht heutiger Psychotherapie. Jesus sei im Kontext des Weltbildes
seiner Zeit zu verorten, die manche Krankheiten auf die Besessenheit durch personale Unheilsmächte zurückgeführt habe. Die Grundaussage dieser
Texte läge aber nicht in der Beschreibung der Dämonen oder der Feststellung ihrer Existenz, sondern in der Überwindung alles Widergöttlichen durch Jesus
Christus und das mit ihm hereinbrechende Reich Gottes. Die heutige Psychotherapie kenne das Phänomen, dass Menschen innerlich durch bestimmte negative Einflüsse „besetzt“ seien, ohne diese freilich zu personalisieren. In solchen Fällen sei die Bewusstmachung und das Verbalisieren derartiger Einflüsse und Erfahrungen der wichtigste Schritt zur Bewältigung. Vor der abschließenden regen Podiums- und Plenumsdis -
kussion beschrieb die Kunsthistorikerin PD Dr. Esther Meier, Dortmund, anhand einer Fülle von Gemälden anschaulich und kenntnisreich die Entwicklung des Engelmotivs in der neueren Kunstgeschichte bis 1900. Dabei zeigten sich die zunehmende Emanzipation des Themas von biblischen, theologischen und auch konfessionellen Vorgaben und die wechselseitige Beeinflussung von Theologie,
Volksfrömmigkeit und künstlerischer Verarbeitung des Themas. Entscheidend für das heutige diversifizierte und individualisierte Bild von Engeln und
Dämonen sei vor allem der Übergang zur Massenproduktion von Kunst (etwa in Gestalt von Post- oder Andachtskarten) Ende des 19. Jahrhunderts gewesen.
Markus Lersch

„denn sie hatten kein Raum in der Herberge…“

Bischof Algermissen und Bischof Hein rufen zur Unterstützung von Flüchtlingen auf

Foto: medio.tv/schauderna
Foto: medio.tv/schauderna

Ihre tiefe Sorge über das Schicksal der Menschen aus Syrien und dem Irak haben der katholische Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, und der Bischof der Evangelischen
Kirche von Kurhessen-Waldeck,
Dr. Martin Hein, in einem  gemeinsamen Brief an die Gemeinden beider Kirchen sowie an die politischen Entscheidungsträger im Bund und Land zum Ausdruck gebracht. Deren Schicksal „fordere uns eindringlich auf, für sie solidarisch einzutreten und ihnen zu helfen, wo immer wir können“. Die Bischöfe betonten, dass es für Christen zu den elementaren Aufgaben gehöre, für verfolgte und gefährdete Menschen einzutreten. Der Auftrag Gottes, Fremde zu schützen und aufzunehmen, sei in zahlreichen Bibelstellen formuliert. Beide zeigten sich beeindruckt und dankbar, wie viele Gemeindeglieder und Mitarbeiter in Caritas und Diakonie sich für Flüchtlinge einsetzten, sie willkommen heißen und ihnen ganz konkret helfen würden. Ihr ausdrücklicher Dank gelte den Gemeinden, die
als letztes Mittel einigen Flüchtlingen Kirchenasyl gewährten, um einen zeitlichen Aufschub zu ermöglichen, damit die rechtlichen Möglichkeiten zur Anerkennung als Flüchtling ausgeschöpft werden können. Hein und Algermissen appellierten an die Kirchengemeinden, „in ihrem Gebet wie auch in der tätigen Nächstenliebe für die Flüchtlinge nicht nachzulassen“:
„Betet für die Menschen“,
„Spendet für die Hilfsorganisationen“,
„Nehmt die Flüchtlinge bei euch gastfreundlich auf“,
„Steht ihnen bei, wo immer ihr könnt“.
An die Bundesregierung gerichtet, baten die beiden Bischöfe, die Aufnahme-kontingente für Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak
deutlich zu erhöhen. Ihrer Einschätzung nach lebten „wir […] in einem wohlhabenden Land, das in der Lage wäre, weit mehr Flüchtlinge aufzunehmen, als es bisher tut“. Allerdings sei bei dieser Aufgabe nicht nur die Regierung
gefordert, sondern „jeder Mitbürger und jede Mitbürgerin“. Zum Schluss Ihres
Schreibens riefen Hein und Algermissen alle Christinnen und Christen dazu auf, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich von dem urchristlichen Gebot
leiten zu lassen, den Fremden zu schützen und aufzunehmen. „Helfen Sie mit, dass alle, die noch eine Bleibe suchen, „Raum in der Herberge“ finden!“

Es gilt als das Lieblingslied der Deutschen: „Der Mond ist aufgegangen“. Wer aber ist Matthias Claudius, der dieses wunderbare Abendlied geschrieben hat? Ein Zeitgenosse, Graf Friedrich von Stolberg, beschreibt ihn treffend: "Er ist
ohn allen Falsch und hat immer Mondschein im Herzen.“ Das Leben des Dichters ist durch eine bemerkenswerte Unabhängigkeit gegenüber dem Zeitgeist geprägt und durch eine Lebensklugheit, die ihn vor einem
aufgesetzten Getue bewahrt und zu echter Mitmenschlichkeit befähigt. Matthias Claudius wird am 15. August 1740 geboren als Sohn des Pfarrers von Reinfeld. Als drei seiner Geschwister sterben, steht der Zehnjährige fassungslos dem Geheimnis des Todes gegenüber. Immer wieder wird er ihm begegnen. Auch ist er selbst keineswegs von eiserner Gesundheit. Ein
Lungenleiden macht ihm zeitlebens zu schaffen. Ein Theologiestudium in Jena bricht er ab. Er wechselt über in die Rechtswissenschaften. Viele Jahre weiß er nicht, was aus ihm werden soll. Endlich finden wir den 28-jährigen Spätent -
wick ler plötzlich in Hamburg wieder. Er ist jetzt Redakteur bei den „Adreß-Comptoir-Nachrichten“. Ausgerechnet unter dem äußeren Druck von Terminen
und spröder Nachrichtenweitergabe findet Claudius zu seiner eigenen unverwechselbaren Sprache. Nach gut zwei Jahren übernimmt er die Redakteursstelle bei einer neu gegründeten Zeitung in Wandsbeck, einem Dorf
vor den Toren Hamburgs. Claudius gibt dieser Zeitung sein Gepräge und verleiht ihr einen hohen literarischen Rang, indem er führende Leute wie
Goethe, Lessing und Herder zur Mitarbeit gewinnt. "Der Wandsbecker Bote“: Das ist nicht nur der Titel der Zeitung, das wird sozusagen das Markenzeichen
von Claudius. Ab 1775 gibt Claudius auf eigene Rechnung insgesamt sieben
Bände seiner „Sämtlichen Werke“ heraus eben unter dieser Selbstbezeichnung. Bunt gemischt finden sich hier Gedichte und erdachte Briefe, Rezensionen
und Dialoge, Bonmots und theologische Abhandlungen. Fortan führt Claudius das Leben eines freien Schriftstellers und Hausmannes. Er sagt von sich, dass er „von Hauptberuf Mensch“ sei. Verstanden und liebevoll unterstützt wird er dabei durch seine Frau Rebecca, eine um 14 Jahre jüngere Zimmermanns-tochter, mit der er zwölf Kinder hat. 1776 kommt es zu einem Zwischenspiel in
Darmstadt. Er ist dort Oberlandkommissar. Aber weil es dort viele Intrigen gibt, treten sie schon nach einem Jahr die Rückreise nach Wandsbeck an. Im Alter entwickelt sich Claudius vom Schriftsteller zum Briefsteller. Für viele bekannte
Größen seiner Zeit wird er zum Freund und Seelsorger. Die letzten Jahre des „Wandsbecker Boten“ verlaufen unruhig und turbulent; es ist die Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon. Schließlich verschlechtert sich sein Gesundheitszustand derart, dass er nach Hamburg in das Haus seines Schwiegersohnes ziehen muss. Dort schläft Matthias Claudius am 21. Januar 1815 im Kreise seiner Familie friedlich ein.
Reinhard Ellsel

Editorial Oktober 2017

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

es kann sein, dass Sie diese KiM erstmals als Beilage Ihrer Oberhessischen Presse in den Händen halten. Und es kann sein, dass Sie KiM nicht mehr – wie bisher gewohnt – aus ihrem Briefkasten holen konnten. Beides hat Gründe: Wir haben nämlich unser Verteilsystem umgestellt. Ab sofort wird die KiM nur noch als Beilage über die Oberhessische Presse verteilt. Das war bisher bereits schon so in einem Großteil unseres Einzugsgebietes. Jetzt kommen lediglich noch die Gebiete dazu, in denen die KiM bisher von engagierten Trägerinnen und Trägern ausgeteilt wurde. Das betrifft Teile des Ortenbergs, den Bereich Zahlbach/Alter Kirchhainer Weg, das Hansenhausgebiet, den Bereich rund um den Südbahnhof, den Stadtwald und den gesamten Richtsberg. Alle, die keine OP beziehen, finden die KiM in allen Marburger Kirchengemeinden und in verschiedenen Geschäften. Wo genau können Sie in Ihrer Gemeinde erfragen. Und wer es ganz bequem haben möchte, kann sich die KiM auch direkt nach Erscheinen gegen Erstattung der Portogebühren zuschicken lassen. Wenden Sie sich dazu bitte der das Evangelische Kirchenkreisamt Kirchhain-Marburg, Tel.: 06421-16991-0. Unser ganz herzlicher Dank gilt allen, die die KiM bisher zu zuverlässig und treu verteilt haben! Diese Oktober-KiM nun gibt beispielhafte Antworten auf die Frage, die mir persönlich schon oft gestellt wurde: Warum sind Sie eigentlich Pfarrer geworden? Interessant ist zu sehen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen können, die Ines Dietrich in Marburg zusammengetragen hat. Lassen Sie sich überraschen! Und wenn Sie noch ganz andere Fragen haben oder wenn es irgendwelche kirchliche, religiöse oder gesellschaftliche Themen gibt, die Sie auch gerne einmal als Heftthema behandelt sehen würden, dann lassen Sie es uns wissen! Einen goldenen Herbst und viel Freunde beim Lesen der neuen KiM wünscht Ihnen im Namen des Redaktionsteams

  

Ihr

Christoph Seitz