KiM Mai 2020
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Editorial November 2020

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

der allererste Satz im deutschen Grundgesetz lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Vor diesem Hintergrund ist es mehr als bedenklich, wenn es in unserer Gesellschaft immer selbstverständlicher wird, andere in öffentlichen Auseinandersetzungen oder auch anonym im Internet herabzuwürdigen, nur, weil sie eine andere politische Meinung oder einen anderen Glauben haben. Oder wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Oder aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Herkunft. Alle Populisten dieser Welt arbeiten mit dieser Methode, die die Nazis in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts perfektioniert hatten: diejenigen, die nicht ihren eigenen Vorstellungen folgen, zu diffamieren und ihnen damit ihre Würde abzusprechen oder sie zumindest madig zu machen. Aber auch im ganz normalen Alltag bei ganz normalen Menschen geschieht Ähnliches immer wieder. Und es könnte deswegen durchaus wichtig und erhellend sein, auch einmal das eigene Denken und Agieren daraufhin „abzuklopfen“. Was ist zum Beispiel, wenn ein Mensch im Altwerden oder womöglich auch schon deutlich früher seine geistige Orientierungs- und Ausdrucksfähigkeit Schritt für Schritt verliert und am Ende womöglich gänzlich einbüßt? Wenn er oder sie sich gar nicht mehr ins Verhältnis und auseinander setzen kann? Gibt es einen Punkt, an dem man nur noch von einem eingeschränkten Menschsein sprechen kann? Kaum etwas fürchten viele ältere Menschen in unserem Land so sehr wie das Abgleiten in eine Demenz. Schon heute leiden fast 1,6 Millionen Deutsche an Demenz. Und ihre Zahl steigt nach dem Herausrechnen der Sterbefälle pro Jahr kontinuierlich um etwa 40.000. Diese Entwicklung ist eine der ganz großen gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre. Und, wie unser Titelthema-Autor Hans- Martin Rieger zu Recht sagt, „ein Testfall für die Würde des Menschen“. Rieger beschäftigt sich schon länger wissenschaftlich mit diesem Thema. Und wir sind sehr dankbar, dass er extra für die KiM einen Artikel geschrieben hat, in dem er uns als Nicht-Wissenschaftler in diese wichtigen, aber auch nicht ganz einfachen Grundfragen des Lebens hineinnimmt. Wir würden uns freuen, wenn dieser oder vielleicht auch einer der vielen anderen Artikel dieser KiM Ihr Interesse findet! Im Namen der Redaktion grüßt Sie herzlichder November mit Allerseelen und dem Toten- bzw. Ewigkeitssonntag führt viele Menschen zu den Orten, wo ihre Lieben beigesetzt wurden. Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes und Erlittenes werden wieder lebendig. Oft verbunden mit Trauer und Schmerz, aber auch mit Freude und Dankbarkeit und der Erinnerung, dass das eigene Leben endlich ist. Genau das aber, die Erinnerung an das eigene Ende, mögen viele nicht. Auch wenn jede Woche zahllose Krimis und Spielfilme fiktiv und die täglichen Nachrichten ganz real den Tod zum Thema haben, wird er ansonsten in unserer Gesellschaft eher überspielt, weggelacht, verdrängt, tabuisiert. Nicht selten erlebe ich es zum Beispiel in Trauergesprächen, dass Menschen zwar viele Jahre eng verbunden miteinander unterwegs waren, aber in dieser Zeit nie ernsthaft über den Tod gesprochen haben. Auch nicht darüber, wie und wo sie beerdigt werden wollen und wie genau ihr Abschied gestaltet werden soll. Die Pfarrerin und emeritierte Professorin für Praktische Theologie, Dr. Ulrike Wagner-Rau, macht in ihrem lesenswerten Themenartikel Mut, sich sehr viel bewusster der Endlichkeit des Lebens zu stellen: offen, ehrlich und gerne zusammen mit denen, mit denen man verbunden ist. Damit man am Ende gut vorbereitet in der Vielzahl der heutigen Abschiedsmöglichleiten möglichst stimmig voneinander Abschied nehmen kann, und so vielleicht auch ein wenig Angst vor dem eigenen Ende verliert. Viel Raum gegeben haben wir in dieser KiM außerdem der Frage, wie Christinnen und Christen mit Flüchtlingen umgehen können. Dazu ist im September eine wichtige Erklärung veröffentlicht worden, die wir im Wortlaut veröffentlichen – unterzeichnet von Kirchen und christlichen Organisationen aus der ganzen Welt. Wir hoffen, Sie finden in dieser KiM etwas, das Sie interessiert und zum Weiterdenken anregt!

 

Im Namen der Redaktion

grüßt Sie herzlich

 

Ihr

Christoph Seitz