Beim Grillen getauft

Impression vom Tauffest 2012 im Park Wilhelmshöhe in Kassel. Foto. medio.tv/socher
Impression vom Tauffest 2012 im Park Wilhelmshöhe in Kassel. Foto. medio.tv/socher

Die Taufe ist unter den Kirchenmitgliedern weiter beliebt: 89 Prozent der Befragten sagten bei der jüngsten Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2014, dass sie ihr Kind taufen lassen wollen. Dennoch zeichnet sich bei dem traditionellen Sakrament ein Wandel ab. So sei ein Pfarrer schon mal gebeten worden, bei der Grillparty im Garten auch ein Kind zu taufen, berichtet der Marburger Theologieprofessor Karl Pinggéra. Immer häufiger sind Taufen außerhalb von Kirchen gefragt. Der gesellschaftliche Trend einer Individualisierung mache auch vor dem Sakrament nicht halt, erklärt Pinggéra. Zunehmend gehen die Kirchen auf solche Wünsche ein. So feiere die evangelische Kirche in Kassel seit 2012 jährlich ein Tauffest an verschiedenen Stationen im Unesco- Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe, berichtet die Marburger Theologieprofessorin und Ausbildungsreferentin der Evangelischen Kirche von Kurhessen- Waldeck, Regina Sommer. Zudem gibt es Tauffeste an Seen. Als Motive für besondere Tauffeiern führt Sommer an, dass Taufwillige die Feier stärker mitgestalten und eine besondere Atmosphäre erleben wollten. Auch täten sich Kirchendistanzierte und Menschen mit anderen Lebensformen als der traditionellen Familie manchmal schwer, vor eine Kirchengemeinde an den Altar zu treten. Dass die Taufe auch die Aufnahme in eine Ortsgemeinde bedeutet, tritt hinter das Erlebnis zurück. Zu den Neuerungen gehört auch ein höheres Taufalter. Eltern ließen ihre Kinder immer häufiger später taufen, erläutert Sommer. Nach der jüngsten EKD-Statistik sind von den 178.000 Taufen im Jahr 2014 zwar noch mehr als 90 Prozent Kindertaufen gegenüber knapp zehn Prozent Erwachsenentaufen. Aber nur knapp zwei Drittel der Kindertaufen finden noch im ersten Lebensjahr statt. Die Eltern begründeten einen späteren Vollzug der Taufe damit, dass das Kind selbst entscheiden solle, erläutert Sommer. Viele Kirchenmitglieder sähen die Taufe nicht mehr als selbstverständliches Ritual an, sondern als eine bewusste Entscheidung, die gegenüber anderen begründet werden müsse. Der Mainzer Theologieprofessor Kristian Fechtner sieht das Argument für die Aufschiebung der Taufe, die Kinder sollten später selbst darüber entscheiden, kritisch. Die Eltern müssten ständig Entscheidungen für ihre Kinder treffen, etwa über den Eintritt in einen Sportverein oder in die Musikschule, und diese später verantworten, sagt er. Ohne mit etwas vertraut gemacht worden zu sein, könne ein Kind später schwerlich eine Entscheidung treffen. Die Kirchen sollten das Gespräch mit Eltern darüber suchen, dass Menschen nicht allein aus eigener Kraft lebten, und dass ihnen in der Taufe etwas mitgegeben werde, rät der Theologe. Trotz der Pluralisierung der Gesellschaft sei das Sakrament „ungeheuer breit akzeptiert“, sagt Fechtner. Denn die Taufe passe gut zum Zeitgeist: So sei sie ein Ritus, der einem Menschen individuell zuteilwerde und seinen Namen mit dem Namen Gottes verbinde. Auch sei es vielen Eltern ein Anliegen, im Wissen um die Grenzen der Fürsorge eine höhere Macht um Beistand für ihr Kind zu bitten. Schließlich sei es Kirchenmitgliedern wichtig, dass ihr Kind zu einer Gemeinschaft gehöre, die Sinn stifte. Die Kirchen reagieren auf den gesellschaftlichen Wandel. So schreiben Gemeinden Eltern bei der Geburt ihres Kindes an und laden sie zu Abenden über Tauf- und Erziehungsthemen ein, wie Sommer erläutert. Mancherorts erhalten Eltern zu den jährlichen Tauftagen ihres Kindes Post mit Anregungen zur Erinnerung. Kinder werden zu Tauferinnerungsfesten oder im Grundschulalter zu einem Kurs über Taufe und Abendmahl eingeladen, Jugendliche und Erwachsene zu Erinnerungsgottesdiensten. Die Veränderungen in der Taufpraxis haben auch innerprotestantisch das gegenseitige Verständnis der Kirchen verbessert, die entweder auf der Säuglings- oder auf der Erwachsenentaufe beharrten, sagt der Referent für interkonfessionellen Dialog der hessischen evangelischen Landeskirchen, Jörg Bikkelhaupt. So erkenne die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau die Erwachsenentaufe als gleichwertig an, und manche Baptistengemeinden nähmen inzwischen auch Säuglingsgetaufte im Rahmen einer „offenen Mitgliedschaft“ ohne Erwachsenentaufe auf. J. Bayer-Gimm (epd)

Editorial Oktober 2018

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

erinnern Sie sich noch an das Lied „Kinder an die Macht“? Im Refrain heißt es dort: „Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende, wir werden in Grund und Boden gelacht: Kinder an die Macht.“ Natürlich meint der Dichter des Liedes, Herbert Grönemeyer, das nicht wirklich ernst. Es braucht ja schon eine Menge Erfahrung, eine gute Bildung und einen zugewandten, gereiften Charakter, um in unserer miteinander so eng verflochtenen Welt politisch hilfreich zu agieren. Wohin das Gegenteil führt, sieht man ja derzeit ganz gut an Staatenlenkern wie Donald Trump. Und trotzdem hat Herbert Grönemeyer auch recht. Wir alle können von Kindern viel lernen, vor allem von kleineren Kindern. Es fasziniert mich immer wieder, wie aufmerksam kleine Menschen durch die Welt gehen, was sie alles bemerken und neugierig in Augenschein nehmen. Sie sehen vieles, an dem wir Erwachsenen oft achtlos vorbei gehen: z.B. auch die kleinen, unscheinbaren Wunder der Schöpfung. Mich rührt an, wie echt die meisten kleinen Kinder sind mit ihren Gefühlen, mit Freude und Leid, mit Sympathie aber auch mit Ablehnung. Bei kleinen Kindern weiß man genau, woran man ist. Da gibt es noch keine Pokerfaces und kein kalkuliertes Gehabe. Ja, kleine Kinder sind oft so herrlich leidenschaftlich, phantasievoll, spontan, sensibel und zärtlich. Und sie können noch ganz ursprünglich und bedingungslos vertrauen, auch in Sachen Glauben, wie Ines Dietrich in unserem Themenartikel so anschaulich in Erfahrung gebracht hat. Natürlich müssen wir alle irgendwann erwachsen werden. Auch unser Glaube muss das. Aber es wäre schon schön, wenn wir uns auch als Erwachsene etwas Kindliches bewahren könnten, z. B. eine ordentliche Portion kindliches Gottvertrauen – besonders dann, wenn es ans Sterben geht. Viel Freunde beim Lesen dieser KiM wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz

 

P.S. Bitte gehen Sie am 28. Oktober zur Landtagswahl und geben Sie Ihre Stimme keiner Partei, die sich im Schüren von Angst und Fremdenhass längst aus der Nachfolge Jesu verabschiedet hat!