Stellungnahme des Rates der EKD zur Situation von Flüchtlingen

Just One World to Take Care of! (Foto: Thomas Gebauer)
Just One World to Take Care of! (Foto: Thomas Gebauer)

„Jesus Christus spricht: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37- 39)Für die Aufnahme der Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland engagieren sich zahllose ehrenamtlich und beruflich Tätige. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dankt ihnen und allen, die seit Monaten dazu beitragen, unserer Gesellschaft ein menschenfreundliches Gesicht zu geben. Zugleich zeichnet sich ab, dass die Aufgaben, die sich durch die zu uns kommenden Schutzsuchenden stellen, nicht in kurzer Zeit erledigt sein werden. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir Geduld und einen langen Atem benötigen und dass viele Menschen Sorgen vor der Zukunft haben. Die Aufgabe wird zu bewältigen sein, wenn die Stabilität der staatlichen Strukturen und das Gewaltmonopol des Staates gestützt und die erforderlichen Mittel bereitgestellt werden. Die enormen Anstrengungen bei der Aufnahme von Flüchtlingen, die bereits geleistet wurden, sind Ausdruck einer Gesellschaft, deren Werte in ihren Wurzeln tief in der christlichen Tradition verankert sind. Der Satz Jesu „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen auch“ (Matthäus 7, 12) aus der Bergpredigt formuliert einen Grundsatz der Empathie, der weit über die christliche Tradition hinaus anerkannt wird. Empathie darf nicht unter dem Eindruck einer belastenden Situation zur Disposition gestellt werden. Geben wir die Empathie auf, geben wir die Menschlichkeit auf. „Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“ (Jesaja 32, 17) Auf diese Verheißung vertraut der Rat und tritt für eine offene Gesellschaft ein und betont den Wert des Grundgesetzes mit seinen Prinzipien der Menschenwürde, der Freiheit und des Rechts. Gemeinsam mit den anderen Staaten in Europa und darüber hinaus sind auch das humanitäre Völkerrecht und die Genfer Flüchtlingskonvention zu bewahren und durchzusetzen. Die EKD fordert eine europäische Lösung. Sie trägt hierzu durch ihre Kontakte zu den anderen Kirchen Europas bei. Menschlichkeit kann nur gemeinsam gedacht werden und gelingen. Chancen und Lasten der Aufnahme von Schutzsuchenden müssen gemeinsam getragen werden. Die EKD wendet sich gegen die Vorstellung einer Abschottung Europas. Wir würden unsere eigenen Werte verraten, wenn wir einen solchen Weg gingen. Unser Verantwortungshorizont endet nicht an den eigenen Grenzen. Lösungswege sind die Beseitigung der Fluchtursachen, die zugesagte Unterstützung der Nachbarländer in Krisenregionen, die Verbesserung der Bedingungen in den Flüchtlingslagern und geordnete Aufnahmeverfahren. Selbst wenn es gelingt, die Fluchtursachen langfristig zu beheben und sogar kurzfristig vielen Flüchtlingen wieder eine Perspektive in ihrer Heimat zu verschaffen, werden viele der zu uns Gekommenen bleiben. Das stellt uns vor die große Herausforderung, Menschen aus anderen Kulturen, Religionen und mit einem anderem Verständnis von Gesellschaft bei uns zu integrieren. Diese Herausforderung verunsichert viele Menschen. Entscheidend ist, die Kontrolle über die Durchsetzung des Rechts und der Werte des Grundgesetzes zu bewahren. Jede Bürgerin und jeder Bürger unseres Landes muss sich überall sicher fühlen können. In den Aufnahme-Einrichtungen für Flüchtlinge müssen die anerkannten humanitären Standards gelten. Dem besonderen Schutzbedürfnis von Frauen und Kindern vor jeder Form von Gewalt, auch sexualisierter Gewalt, ist Rechnung zu tragen. Dasselbe gilt für Minderheiten. Mit Sorge sieht die EKD auch auf die Fälle von Bedrohung von Christinnen und Christen in den Flüchtlingsunterkünften. Integration bedeutet die Anerkennung des Rechts und der Grundwerte unseres Landes, aber auch die Anerkennung unseres Verständnisses von einer offenen Gesellschaft, der Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Wir verurteilen alle Anschläge auf Flüchtlinge und ihre Helferinnen und Helfer. Integration gelingt vor allem über die rasche Eingliederung in das Bildungswesen, den Arbeits- und Wohnungsmarkt. Auch der Familiennachzug fördert die Integration. In den Kindertagesstätten, Schulen und am Arbeitsplatz, aber auch in den Alltagsräumen muss über Sorgen und Ängste einerseits und über Recht und Werte andererseits geredet werden. Die Integration darf keine Verlierer hervorbringen, weder unter den Flüchtlingen noch unter der einheimischen Bevölkerung. Deshalb sind für das Bildungswesen, den Wohnungsund den Arbeitsmarkt ausreichende Ressourcen für alle zu schaffen. Zweifellos ist die Situation in Deutschland und in Europa ernst. Es wäre aber schädlich, sie schlechter und instabiler zu reden, als sie ist. Die Stabilität der staatlichen Institutionen ist hoch. Ebenso hoch ist in der Bevölkerung die Bereitschaft, sich den Herausforderungen zu stellen und sich auch persönlich zu engagieren. Die Evangelische Kirche in Deutschland wird alles in ihren Kräften Stehende tun, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Sie dankt allen und ermutigt alle, die dazu beitragen. Hannover/Breklum 22.01.2016

Editorial März 2019

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

bei wichtigen Entscheidungen kann es hilfreich sein, sich im Vorfeld ein Bild zu machen: ein Bild von der Lage, von den Umständen, von der Situation, von den Menschen, mit denen man es zu tun hat oder haben könnte. Ist die Wohnung, die ich mieten möchte, wirklich so, wie in der Anzeige beschrieben? Ist der Bewerber für die freie Stelle wirklich der, als der er sich im Bewerbungsschreiben darstellt? Entspricht das Auto, das mir zum Kauf angeboten wird, wirklich meinem Bedarf? Und wo wir schon einmal beim Auto sind: Wie ist das mit dem Feinstaub, dem Diesel, den Grenzwerten, den Fahrverboten? Wenn ich dazu eine Haltung gewinnen will, muss ich mir ein Bild machen. Und das heißt: Ich muss mich einlesen in die verschiedenen Positionen, die es dazu gibt. Ich muss mich möglichst breit informieren. Und im Grunde gilt das für alle strittigen Fragen unserer Zeit. Und auch für manche öffentlich vorgetragene Kritik an Kirche und Glauben. Wer nicht nur nachsprechen will, was die lauten Meinungsmacher sagen oder schreiben, muss sich ein eigenes Bild machen. Und das kostet auch ein bisschen Mühe, kann aber sehr erhellend sein! Mit dem Themenartikel dieser KiM werfen wir (nach der Mai Ausgabe im vergangenen Jahr) einen zweiten Blick auf die uns Westeuropäern weitgehend unbekannte und manchmal auch fremd anmutende russisch-orthodoxe Kirche. Professor Dr. Karl Pinggéra führt uns hinein in die Bedeutung, die Ikonen, also bildliche Darstellungen Gottes und der Heiligen in dieser Kirche haben. So können wir uns ein erstes Bild machen vom religiös motivierten Bildermachen. Und wer darüber hinaus ein differenzierteres Bild erlangen möchte vom kirchlichen Leben in Marburg, hat mit dieser KiM wieder eine gute Quelle zur Hand. Ob das eigene Bild aber tatsächlich stimmt, lässt sich wohl nur dann nachprüfen, wenn man an der ein oder anderen Veranstaltung auch wirklich teilnimmt. Dazu sind Sie herzlich eingeladen! Viel Freude beim Lesen dieser KiM wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

  

Ihr

Christoph Seitz