Um Gottes willen – Religion und Gewalt

Bild: Dekan Burkhard zur Nieden
Dekan Burkhard zur Nieden (Foto: Christoph Seitz)

Im Folgenden geben wir die
Rede wieder, die der Dekan des
Evangelischen Kirchenkreises
Marburg am 16. November
während der Mahnwache auf
dem Marburger Marktplatz aus
Anlass der Anschläge von Paris
gehalten hat. Dekan Burkhard
zur Nieden hat seine frei gehaltene
Ansprache für die KiM
schriftlich formuliert, wofür wir
ihm danken.

Wir müssen genauer hinschauen!

Wie an vielen Orten im Nahen Osten und in Afrika, so einige Male in Europa, so nun in Paris: Attentäter töten um Gottes willen. Sarkastisch gesagt, sind sie nach ihrer Facon selig geworden. Es hilft nicht mehr weiter, stets aufs Neue zu antworten, Religion sei Frieden, Religion und Gewalt hätten nichts miteinander zu tun. Sie haben es.

 

Aber als Angehörige des Marburger Runden Tischs der Religionen rufen wir: An wen immer ihr glaubt, das ist nicht unser Glaube; und wem immer ihr folgt, das ist nicht unser Gott.

 

Damit wir so reagieren können, brauchen wir Klarheit und Profil in unseren theologischen Aussagen. Die zivilgesellschaftliche Erwartung, die Religionen sollten sich auf ein diffuses Gottesbild als kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen, irrt. So suchen Christinnen und Christen deshalb nach Wegen des Friedens, weil sie dem Zimmermannssohn aus Galiläa folgen, der dazu eingeladen hat.

 

Wir müssen genauer hinschauen!

Gegenwärtig dominieren zu häufig in der politischen Debatte in unserem Land Reflexe und Klischees. Dies hängt mit Herausforderungen zusammen, für deren Bewältigung es keine vorgegebenen Modelle und keine Muster gibt. Das macht es verständlich, aber nicht besser. Deshalb müssen wir nüchtern und analytisch denken und handeln.

 

Es gibt unterschiedliche Kirchen mit ganz unterschiedlichen Traditionen, Riten, kulturellen Hintergründen, Haltungen. Es gibt auch nicht den einen Islam, sondern ganz unterschiedlich orientierte Gruppen und Haltungen. Ebensowenig gibt es „die Flüchtlinge“ als homogene Gruppe! Wir brauchen künftig differenzierte Konzepte von Ethnizität und Kultur, damit Chance und Reichtum der Veränderung in unserem Land deutlich werden.

 

Wir müssen genauer hinschauen!

Die Gesellschaft kann von den Religionsgemeinschaften erwarten, dass sie ihren eigenen Glauben reflektieren und auf eine liberale, freiheitsstiftende Weise auslegen. Dazu dienen die öffentliche Anerkennung, Religionsunterricht in den Schulen, vielfältige Kooperation zwischen Staat und Religion. Die Laizität in Frankreich, die Religion aus der Öffentlichkeit in die private Nische abdrängen will, hat sich deshalb gerade nicht bewährt.

 

Die Religionsgemeinschaften können aber von der Gesellschaft erwarten, dass diese die Eigengesetzlichkeit von Religion akzeptiert. Ein Satz wie „Das Grundgesetz steht über allen Heiligen Schriften“ greift zu kurz. Natürlich gilt dies für die bürgerliche Existenz mit allen ihren Folgen. Aber theoretisch ist es vorstellbar, dass eine staatlich legitimierte Entscheidung zustande käme, der Chris - tinnen und Christen aus ihrem Gewissen heraus nicht folgen könnten. Dann gilt für sie der biblische Satz: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Und das sollen sie dann auch tun – und die staatlichen Konsequenzen in Kauf nehmen. Unkritischer sind wir als Bürger nicht zu haben, und es ist der beste Teil unserer Tradition, auf den wir uns damit berufen.

 

Also: Wir müssen genauer hinschauen!

 

(Von Dekan Burkhard zur Nieden)

Editorial Dezember 2020

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

 

„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ – in diesem Engelsgesang gipfelt die Botschaft an die zunächst erschrockenen und dann nur noch staunenden, mit neuer Hoffnung erfüllten Hirten. Was sie nie für möglich gehalten hätten, dürfen sie am Heiligen Abend mit eigenen Augen sehen: Jesus, das Kind in der Krippe, mit dem Gottes Frieden in die Welt kommt: in die Herzen der Menschen und damit auch in das Miteinander im Kleinen und im Großen. Frieden auf Erden! Keine Utopie, sondern seit jener Nacht göttliche Realität. Aber wo? Wer nur eine Zeitung liest oder eine Nachrichtensendung im Fernsehen schaut, sieht eine friedlose Welt. Und auch im weihnachtlichen Miteinander der Familien ist es mit dem Frieden-Halten oft alles andere als leicht. Frieden auf Erden? Haben die Engel womöglich doch zu viel versprochen? Ralf Becker, der Autor unseres Themenartikels, ist sich sicher: Die weihnachtliche Friedensbotschaft hat nichts an Aktualität eingebüßt. In unserer Welt ist viel mehr Frieden möglich! Und Christinnen und Christen können dazu eine Menge beitragen! Lassen Sie sich von seinen Überlegungen anregen! Advent und Weihnachten – wir wissen es alle – werden in diesem Jahr ganz anders werden als jemals zuvor. Viele von uns werden ihre Lieben vermutlich nicht treffen können. Weihnachtsmärkte und viele adventlich-weihnachtliche Feiern mit Kolleg/innen, im Verein, in der Schule, in der Kita sind abgesagt. Wenn überhaupt, gibt es in diesem Jahr nur ganz kleine Advents- und Weihnachtskonzerte. Und in jedem Fall keine großen Weihnachtsgottesdienste. Wegen Corona und der Unklarheit darüber, wie die Pandemie sich bis Weihnachten entwickelt, ist vieles, was in dieser KiM für Advent und Weihnachten angekündigt wird, mit Vorbehalt zu betrachten. Informieren Sie sich deswegen zeitnah, was letztendlich wo und wie tatsächlich stattfinden kann/darf. Wie auch immer unser Weihnachten in diesem Jahr werden wird: In jedem Fall sind wir verbunden mit dem und in dem, der an Weihnachten in die Welt kam! Sein Friede möge unser aller Herzen erreichen und hoffnungsvoll stimmen! Wie bei den Hirten damals! Eine gesegnete Adventszeit und ein wunderschönes Weih- nachtsfest wünscht Ihnen im Namen der ganzen Redaktion

 

Ihr

Christoph Seitz