Vor 150 Jahren starb Adolph Kolping

Pionier eines sozialen Christentums

Adolph Kolping (Foto: epd bild)
Adolph Kolping (Foto: epd bild)

Soziale Probleme fänden ihre Lösung nicht in Gnade und Barmherzigkeit, sondern nur in Gerechtigkeit, sagte er am Ende seines Lebens. Adolph Kolping war kein fromm salbadernder Pfarrer, der schöne Gedanken über christliche Tugenden in der Arbeitswelt von sich gab, sondern ein sehr praktisch veranlagter Pionier des sozialen Katholizismus, vielseitig talentiert als Pädagoge, Organisator, politischer Publizist und volkstümlicher Erzähler. Für den am 8. Dezember 1813 geborenen Sohn eines Schäfers aus dem rheinischen Kerpen führte freilich keineswegs ein gerader Weg zum Priestertum und zum Engagement für die Handwerksburschen. Als kleiner Junge las er wie ein Besessener und träumte von geistigen Sphären. Doch für ein Studium war kein Geld da, er wurde bei einem Schuster in die Lehre gegeben, begegnete als wandernder Geselle „rohen Gemütern“ und stellte ziemlich überheblich fest: „Unter dieser Volkshefe konnte ich nicht sitzen bleiben.“ Später fand er endlich Aufnahme im Kölner Marzellengymnasium – als Vierundzwanzigjähriger! Nach der Priesterweihe dann die erste Kaplansstelle in Wuppertal-Elberfeld. Hier trafen die Höchstleistungen des technischen Fortschritts und das nackte Elend in den Arbeitersiedlungen brutal aufeinander. Plötzlich musste sich Kolping mit Hungerlöhnen, unterernährten Kindern und politischen Machtfragen befassen. Er begann sich über die frommen Phrasen vieler Prediger und das Fassadenchristentum der satten Bürger zu ärgern. Im einst verachteten einfachen Volk aber stieß Kolping auf eine ungeahnte Glaubenskraft und die Fähigkeit zum Teilen. Er erfand den „Gesellenverein“, um entwurzelten Handwerksburschen Heimat, Bildung, geistige Inspiration zu bieten. Kolping gründete Gesellenhäuser, Herbergen, Lehrwerkstätten, Zeitungen. Das behäbige katholische Bürgertum aber verübelte ihm die gesellschaftskritische Schlagseite und die Aufnahme protestantischer Mitglieder. Doch als Kolping im Alter von nicht einmal 52 Jahren am 4. Dezember 1865 an Herzasthma starb, zählte sein Verband bereits fast 25.000 Mitglieder. Heute sind es rund 400.000 in mehr als 60 Ländern der Erde. Kolpings Geheimnis: Der „Gesellenpfarrer“ war einer der ersten, welche die bis dahin übliche saubere Scheidung von „weltlichen“ Problemen und himmlischem Heil durchbrachen. Diese Trennung von Religion und irdischen Nöten nannte er die „große Versündigung“ der Kirche an der Welt. Christian Feldmann

Editorial November 2021

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

 

 bei den Präsidentschaftswahlen in den USA im vergangenen Jahr war in den Nachrichten immer wieder die Rede davon, dass Donald Trump eine verlässliche Unterstützergruppe in den Evangelikalen habe, insbesondere deswegen, weil er sich immer wieder kritisch bis ablehnend zur gesamtgesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität und zum Recht auf Abtreibung geäußert habe. Für nicht wenige hier in unserem Land war das eine Bestätigung der vielfach geäußerten Meinung, nach der Evangelikale politisch erzkonservativ sind mit einer höchst fragwürdigen gesetzlichen Sexualmoral und einer maximal liberalen Wirtschaftsethik. Bei genauerem Hinsehen aber wird man feststellen: Es gibt gar nicht „die“ Evangelikalen. Nicht bei uns und bestimmt auch nicht in den USA. Genauso wenig wie es zum Beispiel „die“ Evangelischen oder „die“ Katholiken oder „die“ Deutschen gibt. Generalisierungen und Verallgemeinerungen sind in den seltensten Fällen hilfreich. Genauer hinschauen lohnt sich immer, wenn man sich ein Urteil bilden möchte. Deswegen haben wir mit Jürgen Mette einen prominenten Vertreter der evangelikalen Szene Marburgs gebeten, uns hineinzunehmen in typisch evangelikales Denken und Glauben. Was sind Gemeinsamkeiten im breiten evangelikalen Spektrum, das sich ja zum Teil auch in dieser KiM abbildet? Und wo gibt es Unterschiede und Ausdifferenzierungen? Wir jedenfalls sind dankbar, dass uns Jürgen Mette mit Unterstützung von Dr. Thorsten Dietz im Themenartikel in dieser KiM einen ersten Überblick verschafft. Vielleicht auch als Ausgangspunkt für weitergehende Gespräche und Diskussionen. Und für ein besseres Einander-Wahrnehmen! Viele Feiertage im November nehmen auch die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit unseres Lebens in den Blick. In dieser KiM finden Sie Anregungen für einen konstruktiven Umgang mit Sterben und Tod. Außerdem können sie nachlesen, welche Erwartungen „Christians For Future“ an Richtungsentscheidungen in Kirchen und Gemeinden haben. Ein anregendes Leseerlebnis mit der November-KiM wünscht Ihnen im Namen der ganzen Redaktion

 

 

Ihr

Christoph Seitz