Ilyaas’ Geschichte - Die Angst hört nicht auf

Die Wohnung ist noch leer. Bett, Schrank und Schreibtisch in einem Zimmer, in der Küche Herd und Spüle, ein Tisch. Aber es ist seit mehr zwei Jahren das erste richtige Zuhause von Ilyaas Mohamed Omar. Im April 2013 musste der 34-jährige Somali sein Heimatland verlassen. Dort hatten die Al-Shabab Miliz ihn mit dem Tod bedroht. Die islamistische Organisation kontrolliert Teile des Landes und ist dafür berüchtigt, die Schari’a in besonders strenger Form durchzusetzen – weit über die traditionelle Anwendung im stark muslimisch geprägten Somalia hinaus. Bei außerehelichem Geschlechtsverkehr etwa droht die öffentliche Hinrichtung. Das war der Grund für Ilyaas Flucht. „Ich habe eine Frau kennengelernt“, erzählt er, „und wir haben uns entschlossen, zusammen zu leben. Sie wollte das auch“. Weil er aber als Tagelöhner arbeitete und es ohnehin kaum Arbeit gab, konnte er sie nicht heiraten. „Ich hatte keine Mitgift.“ Dennoch lebte das Paar zusammen, bis die Nachbarn ihm erzählten, dass Al-Shabab-Mitglieder von der Verbindung erfahren hatten. „Ich habe gehört, dass sie uns umbringen wollen. Wir waren in Panik und wollten weg“, sagt Ilyaas. Gemeinsam wollten sie nicht los, sondern gingen in getrennte Richtungen. Bis heute hat er nichts mehr von ihr gehört. Ilyaas ging zu Fuß Richtung Äthiopien. In einem Lastwagen konnte er bis nach Adis Abeba fahren. „Dort waren viele Leute, die mit dem Auto in den Sudan fliehen wollten und da habe ich mich entschlossen, mitzufahren.“ Je weiter weg, des to besser. Über die Grenze musste er zu Fuß, bedroht von sudanesischen Grenzschützern. „Ich bin einfach nur gerannt und gerannt und dann war ich auf einmal im Sudan“, sagt Ilyaas. „Ich habe eine Arbeit gefunden, zwölf Stunden am Tag mit nur einer Mahlzeit und nach zwei Monaten hatte ich 200 Dollar und habe gedacht, damit kann ich Leute bezahlen, die mich weiter bringen.“ Doch diese Hoffnung war mit neuen Leiden verbunden. Die Schlepper sperrten ihn ein, misshandelten ihn und drohten, ihn zu erschießen. „Ich bin geschlagen worden, weil sie Geld von mir wollten“, erzählt er und hebt seine seine linke Hand, an der drei Fingerkuppen fehlen. So blieb nur die erneute Flucht, diesmal vor den Schleppern, die gnadenlos die Not der Flüchtenden ausnutzen. Sein Weg führte ihn durch die Sahara nach Libyen, wo er Menschen traf, die ihm halfen. „Die haben mir Tabletten und Essen und 15 Dinar gegeben“, erzählt Ilyaas, der mit diesem Geld bis nach Bengasi kam und dort erneut als Tagelöhner arbeitete – trotz starker Schmerzen in der entzündeten Hand. „Ich wollte meinen Lohn. Aber dann wurde ich geschlagen und habe kein Geld bekommen.“ Ilyaas schaffte irgendwie den Weg bis Tripolis, wo er arbeitete, bis er dreihundert Dollar verdient hatte. Damit konnte er sich einen Platz auf einem Schlauchbot kaufen, auf dem er 19 Stunden lang Richtung Italien fuhr. „Wir wurden von der italienischen Marine gerettet“, sagt er. Obwohl er nun Europa erreicht hatte, war Ilyaas Odysee nicht beendet. Die italienischen Behörden, so erzählt er, hätten sich überhaupt nicht gekümmert. „Die sind einfach weggegangen“, sagt Ilyaas und musste wieder zu Fuß weiter. Unterwegs bekam er Hilfe von kirchlichen Einrichtungen, wo er essen und sich ausruhen konnte, bis er im August 2014 in München ankam. „Hier konnte ich zum ersten Mal aufatmen“, sagt er und fügt hinzu: „Man hat mich wie einen Menschen behandelt.“ Schließlich nach Marburg, wo er seit Kurzem eine Aufenthaltsgestattung hat. Unterstützt wird Ilyaas von einer Gruppe aus der Universitätskirche, die ihn seit Monaten regelmäßig besucht, ihn unterstützt und für ihn da ist – auch in der Zeit, als er die Nachricht vom Tod seines Vaters und Bruders erhielt und diesen Verlust tragen musste, ohne seiner Familie beistehen zu können. „Die würden mich auch umbringen, wenn ich zurückgehe“, sagt er. Noch ist Ilyaas Leben geprägt vom unklaren Status. Er kann deshalb keinen Deutschkurs besuchen und hat „viel zu viel Zeit“, wie er sagt. Die Besuche seiner Helfer bedeuten ihm viel: „Ich kann mich nicht genug bedanken. Das ist jetzt meine Familie“ – so empfindet er es und wünscht sich seine baldige Anerkennung als Asylberechtigter. „Dann will ich Deutsch lernen und es wäre schön, wenn ich mit der Schule anfangen könnte“, erzählt Ilyaas, der lediglich sechs Monate seines Lebens eine Schule besucht hat. Arbeiten will er und unabhängig sein. Aber vor allem wünscht er sich, einfach ohne Angst leben zu können.               Ines Dietrich

Editorial Juni 2019

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Silke Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

in den letzten Jahren haben wir uns nicht gescheut, auch einmal schwierige Themen in der KiM zu beleuchten. Das Thema dieser Ausgabe: „Missbrauch in der Kirche“ ist allerdings ein besonders heikles. Denn dabei geht es um das höchste Gut, das wir in unseren christlichen Gemeinden und Gruppen haben: Vertrauen. Es ist furchtbar, dass es in der Vergangenheit immer wieder geschehen konnte, dass vor allem Kinder und Jugendliche in christlichen Gruppen und kirchlichen Einrichtungen Opfer sexueller Gewalt wurden – leider immer wieder auch durch haupt-, neben- und ehrenamtlich Mitarbeitende, denen sie vertraut haben oder von denen sie abhängig waren. Und es ist eine Schande, dass vieles, was da geschehen ist, oft jahrzehntelang vertuscht oder bagatellisiert wurde. Nicht nur wir in der KiM-Redaktion sind überzeugt, dass damit jetzt ein für allemal Schluss sein muss! Auch wenn „Missbrauch“ ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, von dem mindestens in gleicher Heftigkeit und Häufigkeit auch Vereine, Schulen und vor allem zahlreiche äußerlich ganz normale Familien betroffen sind, braucht es neue Ansätze und Impulse im Umgang mit diesem Thema – gerade auch um der Opfer willen! Und alle christlichen Gemeinden, Gruppen und Einrichtungen sollten dabei beispielhaft vorangehen! Uns hat interessiert, wie in Marburgs Kirchenlandschaft über all diese Dinge nachgedacht wird und was (vielleicht längst) konkret geschieht. Unsere Redaktionsassistentin Ines Dietrich hat in diesem Zusammenhang interessante und wissenswerte Einblicke zusammengetragen. Und einen weiteren Impuls zu diesem Themenfeld hat dankenswerter Weise der bekannte katholische Theologe und psychologische Psychotherapeut Wunibald Müller unter der Fragestellung: „Was ist Pädophilie?“ beigesteuert.

 

Alles keine leichte Lese-Kost, aber in unseren Augen wichtig und notwendig!

 

Im Namen der Redaktion grüßt Sie herzlich

  

Ihr

Christoph Seitz