Editorial Mai 2016

Christoph Seitz, Chefredakteur
Christoph Seitz Redaktionsleitung (Foto: Marie Seitz)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

verfolgt man in diesen Monaten die Diskussionen um die wichtige Frage, wie Menschen aus dem arabischen Kulturkreis mit einer muslimischen Prägung in unserem Land integriert werden können, werden als Problem immer wieder die streng patriarchalen Strukturen vieler der zu uns gekommenen Familien benannt und die damit verbundene Stellung von Frauen und Mädchen. Auch manche mitgebrachte, eher archaisch anmutende Moralvorstellung macht Sorge, vor allem dann, wenn sie mit unserer Gesellschaftsordnung und Gesetzgebung nicht in Einklang zu bringen ist. Es ist für mich keine Frage, dass denjenigen, die bei uns bleiben und Teil dieser Gesellschaft sein bzw. werden möchten, keine Sonderrechte eingeräumt werden. Auch eine weitere Zunahme der schon jetzt vorhandenen Parallelgesellschaften darf es nicht geben. Wer bleiben will, müsste bereit sein, mitgebrachte Lebensformen und alle Moralvorstellungen, die in Konflikt mit unserer Gesetzgebung und unseren gesellschaftlichen Standards stehen, hinter sich zu lassen und sich neu auszurichten. Allerdings sollten wir Geduld haben mit den Menschen, von denen wir eine solch grundsätzliche Neuausrichtung erwarten. Denn allzu oft vergessen wir, dass die heutigen Standards unserer freiheitlichen Gesellschaft zum Teil einen sehr langen Entwicklungsprozess hinter sich haben und bisweilen hart errungen wurden. Noch bis in die 70er Jahre hinein z. B. waren Frauen in vielen Belangen ihren Ehemännern rechtlich untergeordnet. Und auch Homosexuelle hat man bis dahin strafrechtlich verfolgt und als psychisch krank eingestuft teilweise mit Elektroschocks behandelt. Der in diesem Zusammenhang berüchtigte § 175 des Strafgesetzbuches wurde zwar in den Jahren 1969 und 1973 reformiert, aber erst 1994 gänzlich gestrichen. Und auch von da aus war es noch ein mühseliger Weg bis zur Schaffung eines gesetzlichen Rahmens für schwule oder lesbische Lebensgemeinschaften Anfang des neuen Jahrtausends. Auch die kirchliche Entwick - lung in diesem Zusammenhang ist noch lange nicht abgeschlossen. Propst Helmut Wöllenstein erläutert in unserem Themenartikel den Weg, den die evangelische Kirche von Kurhessen- Waldeck in den letzten Jahren gegangen ist, in der ja mittlerweile die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare möglich ist. Allerdings: In 78 der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen werden Homosexuelle immer noch strafrechtlich verfolgt und in noch mehr Ländern gesellschaftlich und religiös geächtet. Auch in vielen christlichen. Auch von vielen hochrangigen Kirchenvertretern. Ein Grund mehr für Geduld mit den Neubürgern aus ganz anderen Kulturkreisen, aber auch ein Grund für Klarheit und Entschiedenheit in der Sache. Viel Freunde beim Lesen der Mai-KiM wünscht Ihnen im Namen des Redaktionskreises

  

Ihr

Christoph Seitz